Deutschland sucht den "Super-Fighter"

Die alternde Tornado-Flotte der deutschen Luftwaffe soll also durch Kampfjets des europäischen Typs Eurofighter oder überraschenderweise des US-Typs F/A-18 ersetzt werden. Ein Ersatz durch den US-Tarnkappenjet F-35 ist ausdrücklich nicht erwünscht.

Super Hornets
Super Hornets
Super Hornets – US Air Force

Die Entscheidung des deutschen Verteidigungsministeriums vom Donnerstag, die angejahrten Jagdbomber "Tornado" entweder durch weitere Eurofighter "Typhoon" oder amerikanische F/A-18 "Super Hornet" zu ersetzen, sorgt für Debatten in militärischen Fachkreisen und unter Beobachtern.

Immerhin wurde die F-18 in den 1970ern primär für Flugzeugträger entworfen, ist aber mittlerweile auch in Luftwaffen etwa Australiens, Finnlands, Spaniens und der Schweiz im Einsatz. Zudem schied just die F-35 "Lightning II" aus, jener top-moderne "Tarnkappen-Bomber" von Lockheed Martin, den in den vergangenen Jahren auch etwa Dänemark, Italien, Norwegen, Holland, Großbritannien und die Türkei beschaffen bzw. beschafft haben.

Die F-35 war unter anderem vom früheren deutschen Luftwaffeninspekteur, Karl Müllner, favorisiert worden war. Es heißt, der heute 62-Jährige sei im Vorjahr deswegen in den Ruhestand versetzt worden, weil er die F-35 öffentlich favorisiert und damit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen widersprochen hatte. Er argumentierte davor im Gespräch mit dem Autor dieser Zeilen, alle Neuentwicklungen und Adaptierungen würden ihm bis zum Ausscheiden des Tornado ab etwa 2025 nichts helfen werden. Der F-35 sei aber fertig und verfügbar.

Es gibt an dem Mehrzweckkampfflieger, der erst seit 2015 in Dienst gestellt wird, aber auch erhebliche Kritik. Er führe etwa zu wenig internen Treibstoff und Waffen mit, könne keine langen Überschallflüge (Supercruise) machen, die Kosten seien zu hoch. Piloten kritisierten die Sicht aus dem Cockpit vor allem nach hinten als nicht gut, es gab und gibt immer wieder technische Probleme und mangelhafte Leistungen.

Die F-35 muss in Deutschland draußen bleiben (Bild: israelische F-35)
Die F-35 muss in Deutschland draußen bleiben (Bild: israelische F-35)
Die F-35 muss in Deutschland draußen bleiben (Bild: israelische F-35) –

Eurofighter und F-18-Erzeuger Boeing müssten nun Informationen zu Betrieb, Wirtschaftlichkeit und zeitlichen Liefermöglichkeiten geben, hieß es in Berlin. Man wolle die Fähigkeiten des Tornados (darunter Angriffe im Tiefflug mit Bomben und Marschflugkörpern, Aufklärung, elektronische Kriegsführung) erhalten.

Der Nachfolger dürfte indes eine absehbare Überbrückungslösung werden, denn ab etwa 2040 ist die Einführung eines noch in Planung befindlichen, ziemlich futuristisch wirkenden deutsch-französischen Future "Combat Air Systems" (FCAS) der 6. Generation möglich, das letztlich auch die Eurofighter sowie die französische Rafale ablösen soll.

Verpflichtungen in der Nato

Die F-18 in den Varianten E/F wird auch in einer Ausführung für die elektronische Kampfführung und Unterdrückung feindlicher Luftabwehr angeboten, die EA-18G "Growler". (Anmerkung: Jetzt ist auch klar, wieso letzten April auf der Internationalen Luftfahrtausstellung in Berlin Growlers der US-Marine aufgetaucht sind. Die hatte man zuvor noch nie in Europa gesehen.)

F-18 Growler in Berlin
F-18 Growler in Berlin
F-18 Growler in Berlin – Georg Mader

Auf diese speziellen Fähigkeiten ist die Luftwaffe eigentlich zwingend angewiesen, da sie im Rahmen der Nato die auf genau jene Spezialrollen optimierte Tornado-Version ECR bereitstellt, sie flogen etwa über Bosnien, Serbien, Syrien, dem Irak und Afghanistan. Für die Typhoon müsste eine solche Version erst gebaut werden. Dennoch hieß es aus dem Ministerium, die Entscheidung zwischen den zwei Flugzeugen sei ein ergebnisoffener Prozess. Gut möglich, dass am Ende im Hinblick auf ECR aber auch beide Typen beschafft werden.

Schweizer F-18
Schweizer F-18
Schweizer F-18 – Schweizer Luftwaffe

Deutschland verfügt derzeit über (ohne Trainer, plus Aufklärer) etwa 250 Kampfflugzeuge, darunter etwa 115 Tornados, insgesamt waren über die Jahre fast 360 dieser eckigen Schwenkflügler, die für ihre Extrem-Tiefflugfähigkeit legendär wurden, an Deutschland ausgeliefert worden. Die Jets waren ab 1979 auch in Italien und Großbritannien eingeführt worden; bei den Briten dienten sie auch als Langstreckenjäger mit dem Zweck, im Fall eines Krieges mit dem Warschauer Pakt weit draußen über Nordsee und Nordatlantik Bomber und Schiffe zu bekämpfen. Die Royal Air Force wird ihre letzten Tornados (zuletzt etwa 20) noch heuer einmotten, Italien (etwa 65 Stück) erst 2023.

Die heikle nukleare Teilhabe

Die Tornados des Herstellers Panavia (Sitz nahe München) setzt Deutschland auch zur nuklearen Teilhabe ein - dem Abschreckungskonzept der Nato, bei denen VUS-erbündete Zugriff auf Atomwaffen der USA haben können. Entscheidend für die endgültige Auswahl wird daher auch die heikle Frage sein, ob, in welchem Zeitraum und zu welchen Kosten die Rolle der Tornados beim Einsatz von Atombomben ersetzt werden kann. An der nuklearen Teilhabe will die Bundesregierung, wiewohl vordergründig anti-nuklear eingestellt, offenbar festhalten.

Tornados mit lasergelenkten Bomben bei Übung über Südafrika, März 2017
Tornados mit lasergelenkten Bomben bei Übung über Südafrika, März 2017
Tornados mit lasergelenkten Bomben bei Übung über Südafrika, März 2017 – Bundeswehr

 

Tornado-ECR mit HARM-Raketen (Anti-Radar)
Tornado-ECR mit HARM-Raketen (Anti-Radar)
Tornado-ECR mit HARM-Raketen (Anti-Radar) – Georg Mader

Nach unbestätigten Berichten lagern im Fliegerhorst Büchel in der Eifel (Rheinland-Pfalz) um die 20 Atombomben Typ B61, die mit deutschen Tornados eingesetzt werden könnten. Vor allem Grüne und SPD fordern immer wieder den Abzug dieser Bomben.

Die nukleare Teilhabe macht die Entscheidung daher politisch brisant und zulassungstechnisch anspruchsvoll, denn die USA müssten den gewählten Typ erst zertifizieren. Bei der Typhoon ist das bisher nicht der Fall, es gibt nämlich auch keinen atomar bewaffneten bzw. verkabelten Eurofighter.

US-Atom-Zertifikat für Eurofighter Typhoon?

Die F/A-18 von Boeing war in einer frühen Version in den USA für Nukleareinsätze zertifiziert, nicht aber in aktuellen Versionen. Dennoch hat sie eine eindeutig bessere, wenn nicht hundertprozentige Zertifizierungschance, wohingegen der Eurofighter grundlegend neu für einen Atomwaffeneinsatz zertifiziert werden müsste – von den USA.

Aus der deutschen Luftwaffe war zuletzt deutlich geworden, dass man der Super Hornet zugeneigt ist. So könnte man diese eben auch als künftige Atomwaffenträger nutzen und den Eurofighter auch für Aufklärung, elektronische Kampfführung und Marinejagdbomber. Oder man könnte - noch intelligenter - die Super Hornets für Aufklärung, elektronische Kriegsführung und die Marine nutzen und die Eurofighter zusätzlich für die Atomwaffenrolle zertifizieren lassen. Letzteres scheint aber politisch hochexplosiv - in dem Fall würden die Eurofighter in Teilen der öffentlichen Meinung wohl als "Atombomber" oder eine andere billige Wortschöpfung gelten.

Deutsche Typhoons
Deutsche Typhoons
Deutsche Typhoons – Georg Mader

Damit die Sorgen hier unbegründet wären, daß die USA die Nuklear-Zertifizierung des Eurofighters aus industriepolitischen Motiven bis zum Sankt-Nimmerleinstag verschieben, müsste man den Kauf der F-18 von einer schriftlichen Zusage der US-Regierung abhängig machen, daß der Eurofighter bis 2025 zertifiziert wird. Erfolgt dies nicht, könnte Deutschland vom Kauf der F-18 zurücktreten oder einen Teil des Preises zurückhalten, bis die Zertifizierung erfolgt ist. Oder man vereinbart, dass eben die F-18 bereits zertifiziert geliefert werden, weil man diese für diese Nato-Atomrolle haben will.

Airbus für "souveränes Europa"

Airbus als Hersteller des Eurofighters hat betont, alle Anforderungen bis hin zur Zertifizierung für die Teilhabe erbringen zu können. "Das wäre ein Zeichen hin zu einer Entscheidung für ein souveränes Europa und in der Gesamtbetrachtung auch im Blick auf Arbeitsplätze und Technologieerhalt die beste und logische Lösung für Deutschland", sagte Airbus-Sprecher Florian Taitsch. "Der Eurofighter kann, wie in Großbritannien, alle Fähigkeiten des Tornados übernehmen."

Unabhängig von der anstehenden Entscheidung muss die Luftwaffe neue Eurofighter bekommen: Die 33 ältesten der Tranche 1 sollen in den nächsten Jahren sukzessive ausgemustert und durch eine neue Tranche 4 ersetzt werden, die dann den modernsten Stand darstellen (mit elektronisch scannendem Radar E-CAPTOR, usw.). Ab Ende 2019 gehen die neuesten Tranche-3 Versionen an Kuwait und Katar.

Ein Offizier grollt

Ein deutscher Offizier, der mit dem Ausscheiden der F-35 offenbar keine Freude hat, schrieb dem Autor dieser Zeilen übrigens kürzlich:

"Die F-35 ist rausgeflogen, weil das Airbus so wollte. Diese Entscheidung reiht sich nahtlos in all die lächerlichen, industriepolitischen Entscheide in Deutschland gegen die Bundeswehr und für den durchgefüttert-gemästeten Airbus-Monopolisten. Dass man sich nicht die F-35 ins Boot holt, hat nur einen Grund: Airbus kann diese Maschine auch in Zukunft nicht ansatzweise mit eigener Technologie toppen. Sie sind bezüglich Stealth-Technologie nur Theoretiker und würden im direkten Vergleich immer uralt aussehen. Airbus ist ein guter, aber limierter Zellenbauer, der im weltweiten Vergleich schlicht kein oder zuwenig Know-How auf Topniveau hat. Da kann man die böse Trump’sche Konkurrenz nur aussen vorhalten, ohne das Gesicht zu verlieren."

Wie noch immer auch in Österreich, zeigt sich auch beim Nachbarn, dass die Entscheidung und ihre Begründungen sich rasch in fast "religiöse" Auseinandersetzungen entwickeln. Eine solche über 40 Maschinen steht ab 2020 übrigens auch in der Schweiz an – dort aber den F-35 eingeschlossen...

*Georg Mader ist Luftfahrtjournalist und Österreich-Korrespondent des internationalen Militärfachmagazins IHS Jane's Defence. Sein Text wurde bearbeitet und ergänzt von Wolfgang Greber (Die Presse)

 

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