Australiens legendärer Premier Bob Hawke 89-jährig gestorben

Hawke machte Australien in den 1980ern zu einem neuen und „besseren" Land. Er galt als gebilder Rüpel, den man mögen musste, und hatte wohl auch deshalb ungemein einende Fähigkeiten. Nun wird er bereits als größter Australier seit dem Zweiten Weltkrieg gepriesen.

Bob Hawke
Bob Hawke
Bob Hawke – smh.com.au/John Veage

In der englischsprachigen Welt gibt es einen australienspezifischen Polit-„Running Gag": „Wie heißt der Premierminister von Australien?"

Üblicherweise weiß das kaum jemand, obwohl das Land einen Kontinent füllt. Einer jedoch, der auch über die Grenzen hinaus durchaus gewisse Bekanntheit erlangt hatte und jedenfalls zu einer Aussie-Legende wurde, ist nun am Donnerstag in seinem Haus in Sydney gestorben: nämlich Bob Hawke, Premierminister für die Labor-Partei von 1983 bis 1991. Er wurde 89 Jahre alt.

Der Tod des großen früheren Gewerkschaftsführers, der als Chef der Bundesregierung in Canberra merklich nach rechts bzw. zur Mitte hin rückte und lange Zeit unheimlich viel Rückhalt im Volk hatte, platzt just in die Endphase der aktuellen Parlamentswahl in „Oz": Dort wird am Samstag gewählt. Hawke hatte erst am Mittwoch in einem offenen Brief seine Landsleute aufgerufen, ihre Stimme Labor-Chef Bill Shorten (52) zu geben, um den liberalkonservativen Amtsinhaber, Scott Morrison (51), aus dem Amt zu drängen. Die Chancen dafür sahen zuletzt recht gut aus.

„Nach ihm waren wir ein besseres Land"

Der Trauerchor im Land war am Donnerstag laut und gravitätisch: Seine Witwe Blanche d'Alpuget (75), eine Schriftstellerin, mit der Hawke seit 1995 in zweiter Ehe verheiratet war, sagte: „Viele werden sagen, dass er der bedeutendste Australier nach dem Zweiten Weltkrieg war."

"In Australiens Geschichte und Politik wird es für immer eine Ära ,B. H." und ,A. H.' geben, also „Before Hawke and After Hawke´", so Labor-Chef Shorten. „Nach Hawke waren wir ein anderes Land: ein freundlicheres, besseres, größeres und tapferes Land." Er habe „Down under" gar in „eine goldene Ära" geführt, meint ein Nachruf im Sydney Morning Herald.

Premierminister Morrison verkündete, Hawke sei ein Führer gewesen, „der unser Land mit Leidenschaft und Mut und einer intellektuellen Antriebsleistung geführt hat, die es stärker machten. Er definierte die Politik seiner Generation und darüber hinaus. Er hatte die einzigartige Fähigkeit, zu allen Australiern zu sprechen, und wird schmerzlich vermisst werden."

Epoche des großen Schritts nach vorne

Tatsächlich gelten die 1980er-Jahre unter Labor in Australien als Epoche der sozialen Öffnung und wirtschaftlichen Modernisierung des ressourcenreichen und unheimlich vielfältig-schönen Landes mit seinen heute etwa 25 Millionen Einwohnern, das zwischen Indischem Ozean und Pazifik einen massiven Pfeiler der westlichen Welt bildet.

Twitter/Australian National Archives

Als Hawke es 1983 von seinem liberalkonservativen Vorgänger Malcolm Fraser (1930-2015, im Amt seit 1975) übernahm, war der Kontinent in der Rezession, es gab zweistellige Arbeitslosen- und Inflationsraten. Hawke aber gelang es unter anderem, die mächtige Gewerkschaftsunion ACTU (Australian Council of Trade Unions), der er von 1969 bis 1980 vorgestanden war, mit Großgrundbesitzern, Industriellen und anderen Unternehmern zusammenzubringen und bei vielen Themen Kompromisse im Konsens zu erzielen. Dabei setzte er sogar wirtschaftspolitische Maßnahmen um, die die Linke traditionell bekämpft hatte und von einem Labor-Urgestein wie ihm eigentlich nicht erwartet worden waren.

Zu den wichtigsten Schritten zählten unter anderem die Freigabe des Austral-Dollars an den weltweiten Finanzmärkten, die Senkung der Zölle, Zulassung ausländischer Banken, die Einführung der staatlichen Krankenversicherung 1984 und Deregulierungen der Wirtschaft.

Strategische Schwerpunktverlagerung

Australien, wiewohl weiterhin im Commonwealth und formell mit der britischen Krone als Staatsoberhaupt, gab sich international ein eigenständigeres Profil und wandte den Schwerpunkt seiner Aufmerksamkeit von Großbritannien weg in Richtung USA, China, Japan und Südostasien. Hawke soll das kommende „Asiatische Jahrhundert" herandämmern gesehen und Australien darauf eingestellt haben, heißt es.

Dabei scheute man aber auch Konflikte mit dem bevölkerungsmäßig vergleichsweise erdrückenden Inselreich Indonesien (heute mehr als 260 Millionen Einwohner) im Norden nicht, etwa, indem man trotz Protesten von dort die Streitkräfte, insbesondere die Luftwaffe, ausbaute.

Umweltschutz wurde in den 1980ern ebenfalls wichtig, was sich bis in die relativ nahe Antarktis erstreckte, wo Hawke maßgeblich mitwirkte, industriellen Bergbau zu verhindern. Es begann eine Epoche starker Beschäftigtenzuwächse bei zeitgleichem Ausbau des Sozial- und Krankenversicherungssystems. Wohl in den 1980ern wurde der „rote Kontinent" (das bezieht sich auf die verbreitete Farbe der Landschaft vor allem im Outback, nicht auf Politik) auch für ein breiteres Publikum im westlichen Ausland als Reiseziel interessant (Briten hatten das als frühere Kolonialherren natürlich schon länger auf dem Radar).

Ein kluger Rüpel, den man mögen musste

Seine Fähigkeit, Menschen über Interessens- und Denkgrenzen hinweg zu einen, war laut vielen Stimmen auch seiner rauhbeinigen, kumpelhaften, teils sogar betont ungeschliffenen Art zuzuschreiben. Man hieß den Mann aus dem Bundesstaat South Australia, der über Jahrzehnte mit seiner stark gewellten Grau-, dann Weißhaar-Frisur auffiel, auch gern „Larrikin". Das steht in etwa für „Lausbub", „Rowdy", für eine unkultivierte, aber gutherzige, im Kern gebildete, jedenfalls kluge Person, die trotz ihrer vordergründig rüpeligen Art ganz gut durchkommt.

Hawke und Bier passten immer gut zusammen – westernadvocate.com.au

Hawke spielte damit ganz offen, etwa, als er einmal sagte, dass er damit bei Wählern der Arbeiterklasse eben gut ankomme. Dass er als Student in Oxford in den 1950ern einen Trinkrekord aufgestellt hatte - er stemmte ein Yard Bier (1,4 Liter) in elf Sekunden - war für ihn in einem ausgeprägten Biertrinkerland wie Australien auch nicht abträglich.

„Ich schwitze nicht Moral!"

Zudem war er für so markante wie kluge Sprüche gut, die sich manch eine(r) heute noch merken sollte. Etwa: „Wissen sie, wieso ich glaubwürdig rüberkomme? Weil ich nicht Moral schwitze!"

Hawke wurde 1929 in Bordertown, South Australia, als zweiter Sohn eines protestantischen Geistlichen und einer Lehrerin geboren. 1939 starb sein älterer Bruder Neil. Die Familie zog darauf nach Perth an die Westküste des Staates Western Australia, eine damals noch ganz besonders isolierte Stadt.

Es heißt, seine Mutter habe mittlerweile eine nahezu „messianische" Besessenheit entwickelt, wonach es der junge Robert James Lee einmal ganz weit bringen werde. Das dürfte sein Selbstvertrauen gestärkt haben: Schon mit 15 sagte er, er werde gewiß Premierminister werden. Mit 17 erlitt er einen Motorradunfall, bei dem er fast gestorben wäre, der ihm aber klar machte, wie wichtig es ist, etwas aus dem Leben zu machen.

Beginn als Gewerkschaftsjurist

Er studierte bis 1953 Jus und Wirtschaft in Perth und war bereits in der Gewerkschaft aktiv, schloss 1955 in Oxford (England) ab und kehrte 1956 zurück, wo er 1958 Anwalt bei der ACTU wurde. 1969 wurde er zum Chef des Gewerkschaftsverbandes gewählt. Er setzte sich für ein Ende der traditionellen „White Australia Policy" ein, die die Einwanderung etwa von Asiaten nach Kräften erschwerte bzw. unmöglich machte.

Bob Hawke als frisch gewählter ACTU-Chef 1969 (li.) und nach seiner Zeit als Premierminister – AAP/State Library of NSW/The Conversation

1980 zog er für Labor ins Bundesparlament in Canberra ein, für einen Wahlkreis nahe Melbourne (Staat Victoria). Die ACTU-Führung hatte er da schon niedergelegt. Erst kurz vor der Parlamentswahl im März 1983 übernahm er die Führung von Labor, nachdem wichtige Figuren der Partei den damaligen Labor-Chef Bill Hayden (*1933) „überzeugt" hatten, dass die Partei unter ihm verlieren werde.

Deftige Warnung an Arbeitgeber nach dem Wahlsieg

Letzlich fuhr Hawke gegenüber dem liberalen Fraser einen Erdrutschsieg ein, den größten seit 1943, und gewann mit 53 Prozent der Stimmen 75 der 125 Sitze im Repräsentantenhaus, dazu die relative Mehrheit im 64-sitzigen Senat. Bei der Siegesfeier am Wahlabend tönte Hawke auf legendäre Weise, als er Arbeitgeber live im TV zu Nachsicht mahnte, sollten ihre Leute jetzt zu heftig Party machen: „Jeder Boss, der einen Arbeiter feuert, weil er morgen nicht auftaucht, ist ein Arsch!"

Nach weiteren Wahlsiegen in den 1980ern sank seine Popularität Anfang der 1990er, als es einen jähen Wirtschaftseinbruch gab. Paul Keating, damals Schatzmeister von Labor und eine der Kernfiguren der neuen Wirtschaftspolitik, drängte Hawke zum Abgang. Der widersetzte sich zwar, aber wurde im Dezember 1991 in einem parteiinternen Putsch gestürzt und trat als Premier zurück. Keating (*1944) regierte bis 1996. 

Zweiter Frühling mit eigener Biografin

Bob und Blanche Hawke in Sydney, 2014 – Courier Mail/privat

Hawke zog sich aus der Politik zurück und wurde begehrt als Redner, wenngleich er Probleme mit dem Trinken hatte. Auch die Scheidung 1995 von seiner Gattin Hazel, mit der er seit 1956 verheiratet gewesen war und vier Kinder hatte, kam vielfach nicht so gut an - zumal seine neue Partnerin, Blanche d'Alpuget, mit der er spätestens seit 1976 eine Affäre hatte, über ihn 1982 eine Biografie veröffentlicht hatte. Beide lebten zuletzt im hübschen Vorort Hunters Hill im Norden von Sydney, wo der große Australier am Donnerstag verschied.

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