Wie Boris Johnson keine Frage beantwortet und trotzdem überzeugt

Beim TV-Duell um die Nachfolge von Premierministerin May ließ Johnson geschickt alle Brexit-Fragen offen. Der britische Botschafter in den USA trat nach Streit mit Trump zurück.

Hartes TV-Duell: Boris Johnson (links) und Außenminister Jeremy Hunt kämpfen um Premierposten.
Hartes TV-Duell: Boris Johnson (links) und Außenminister Jeremy Hunt kämpfen um Premierposten.
Hartes TV-Duell: Boris Johnson (links) und Außenminister Jeremy Hunt kämpfen um Premierposten. – REUTERS

London. „Die derzeitige Situation macht es mir unmöglich, meine Rolle so auszufüllen, wie ich es gerne würde.“ Mit diesen Worten gab Kim Darroch, britischer Botschaft in den USA, am Mittwoch seinen Rücktritt bekannt. Der erfahrene Diplomat zog damit einen Schlussstrich unter einen tagelangen verbalen Schlagabtausch mit US-Präsident Donald Trump. Die Angelegenheit hatte zu heftigen Friktionen zwischen den engen Verbündeten USA und Großbritannien geführt. In den vergangenen Tagen hatte Trump den britischen Vertreter einen „dummen Kerl“ und „aufgeblasenen Deppen“ genannt. Die britische Premierministerin Theresa May bedauerte den Rücktritt.

Der Hintergrund: Die britische Zeitung „Mail on Sunday“ hatte am Wochenende aus vertraulichen Memos des Botschafters zitiert. Darin wird die Regierung Trump als „unfähig“ und „dysfunktional“ bezeichnet. Der Präsident strahle „Unsicherheit aus und agiere ungeschickt“, schrieb Darroch demnach. Der US-Präsident beschimpfte daraufhin nicht nur Darroch wüst über Twitter, sondern auch May: „Was für ein Durcheinander sie und ihre Vertreter mit dem Brexit angerichtet haben. Ich habe ihr gesagt, wie man es machen sollte, aber sie hat sich entschieden, einen anderen Weg zu gehen.“ Aber es gebe da eine „wundervolle Nachricht“: Bald werde Großbritannien einen neuen Premierminister haben.

Mays Nachfolger wird derzeit von den Mitgliedern der konservativen Partei gewählt: Am 23 Juli soll feststehen, für wen sie sich entschieden haben. Deutlicher Favorit ist Tory-Enfant-Terrible Boris Johnson. Er lieferte sich Dienstagabend mit seinem einzig übrig gebliebenen Rivalen, Außenminister Jeremy Hunt, ein hartes TV–Duell: Hunt machte es dem gewieften Ex-Bürgermeister von London nicht leicht. Doch der Tory-Hardliner punktete trotzdem: Er schaffte es, bei so gut wie allen Fragen zu parieren, eine Antwort offen zu lassen – und das Publikum zum Lachen zu bringen.

 

„Come on, Boris!“

So zum Beispiel bei der am Dienstag noch ungelösten Botschafter-Affäre: Während Hunt klarmachte, dass Darroch den Posten bei ihm behalten würde, wich Johnson der Frage aus.

Erst als der Minister ihn wiederholt mit einem ironischen „Come on, Boris“ unterbrach und auch die Moderatorin auf eine genaue Antwort drängte, rang sich Johnson zu dem Satz durch: Er werde „nicht so vermessen sein, diese Entscheidung vorwegzunehmen: Aber ich allein werde entscheiden, wer einen so wichtigen Posten bekommt.“ Auch andere Fragen blieben unbeantwortet – vor allem über heikle Details zum britischen EU-Austritt. Johnson pocht auf einen Brexit am 31. Oktober, notfalls auch ohne Deal. Hunt hingegen will keinen No-Deal-Brexit und ist notfalls für eine Verschiebung offen. Johnson wollte sich aber nicht festlegen, ob er sein Amt als Premierminister zurücklegen werde, sollte der geplante Brexit-Termin erneut platzen: Er wolle der EU ja nicht diese Aussicht bieten. Johnson hatte mit seinen zugespitzten Anti-EU-Parolen während der Brexit-Kampagne 2016 viele Europäer verärgert.

 

„Dieses Land braucht Optimismus“

Der Ex-Bürgermeister holte jedenfalls geschickt zur Gegenattacke aus: Hunt wolle nur Zeit gewinnen, immer und immer weiter verhandeln: „Wie wäre es mit Weihnachten?“, scherzte Johnson dabei. Der Außenminister wirkte defensiv, als er zu erklären versuchte, warum nun eine Verlängerung verantwortungsvoller sei als ein „No Deal“-Austritt zum 31. Oktober.

Ähnlich unbeantwortet ließ Boris Johnson auch die Frage nach den Kosten eines No-Deals oder einer möglichen Grenze zwischen Irland und Nordirland. Dafür appellierte er geschickt an die Gefühle der Zuhörer: Hunt sei ein „Defätist“, er verbreite Mutlosigkeit, sagte er. „Ich glaube, dieses Land braucht ein bisschen Optimismus“, rief er: Und die Zuschauer klatschten.

„Weil Boris nie Fragen beantwortet, haben wir absolut keine Ahnung, wie seine Amtszeit aussehen würde“, meinte dann der amtierende Außenminister. Und Hunt klang fast etwas bitter, als er treffend die Ablenke-Taktik seines Rivalen beschrieb: „Boris hat diese wunderbare Gabe: Du stellst ihm eine Frage, er sagt etwas Witziges, zaubert ein Lächeln auf dein Gesicht, und du vergisst, was eigentlich die Frage war.“ Das sei eine großartige Eigenschaft für einen Politiker, nicht aber für einen Premierminister. (red., ag.)

AUF EINEN BLICK

Die Briten hatten im Juni 2016 mit knapper Mehrheit für einen EU-Austritt gestimmt. Der Brexit wurde aber bereits zwei Mal verschoben, weil das Parlament weder einem Ausscheiden ohne Abkommen noch dem von May mit Brüssel ausgehandelten Deal zustimmen wollte. Weil die Regierungschefin auch in der Folge keinen Rückhalt für ihren Brexit-Kurs in der eigenen Partei erhalten hatte, trat sie im Juni zurück. Wer nächster Tory-Chef und damit nächster britischer Premierminister wird, entscheiden die etwa 160.000 Tory-Mitglieder in diesen Tagen per Briefwahl. Es wird davon ausgegangen, dass viele ihre Entscheidung bereits getroffen haben: Als deutlicher Favorit gilt Boris Johnson. Das Ergebnis der Wahl soll erst am 23. Juli feststehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2019)

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