"Cinema Jenin": Traum von einer neuen Stadt

Jenin galt als Extremisten-Hochburg im Westjordanland. Dieses Image soll sich ändern: Durch ein Filmtheater, das Idealisten mit deutscher Hilfe nach mehr als 20 Jahren wieder aufgebaut haben.

Cinema Jenin Traum einer
Cinema Jenin Traum einer
Cinema Jenin – (c) Cinema Jenin

Fakhri Hamad lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Am 5.August ist Wiedereröffnung des Kinos in Jenin. Der Fußboden ist noch nicht komplett verlegt, die Wände nicht verkleidet, von Lautsprechern und Lampen keine Rede. Auch die Finanzierung von veranschlagten 20.000 Euro für die dreitägige Eröffnungsfeier ist noch nicht geregelt. Immerhin hängt die Klimaanlage in dem Saal, der Platz für 300 Gäste bietet. Fakhri, Projektmanager des „Cinema Jenin“, sitzt in einem verstaubten schwarzen Hemd auf der Bühne. In der einen Hand hält er ein Handy, in der anderen eine Zigarette.

Endspurt eines Projekts, das im Februar 2008 begann. Damals war gerade Marcus Vetters Film „Das Herz von Jenin“ angelaufen. Monatelang hatte der deutsche Filmemacher in der unter Israelis als Brutstätte des palästinensischen Terrors verrufenen Stadt an den Aufnahmen gearbeitet und konnte es damit doch nicht genug sein lassen. Um das Image von Jenin besorgt, gründete Vetter einen Förderverein, mit dem Ziel, das alte Kino der Stadt wieder aufzubauen.

 

Hippies in der Kopftuchstadt

Es war seit über 20Jahren geschlossen. „Als die erste Intifada anfing, gab es Proteste von der Fatah gegen das Kinoprogramm“, berichtet Fakhri. Das Filmtheater gehörte damals fünf Geschäftsleuten, die aus kommerziellen Gründen auch mal den ein oder anderen Pornofilm zeigten. Eine Programmänderung habe das Kino schließlich auch nicht mehr retten können, denn dann kamen die Soldaten. „Sie haben regelmäßig das Kino umstellt und die Männer zur Überprüfung rausgeholt.“ Immer weniger Leute gingen deshalb zu den Vorstellungen, bis das Kino bankrott war.

„Das ist doch völlig schief!“, ruft Marcus Vetter kopfschüttelnd und deutet auf die Stoffverkleidung an der Wand. Der Filmemacher muss in diesen Tagen selbst Hand anlegen. Zusammen mit Fakhri dirigiert er die palästinensischen Arbeiter und einige Dutzend freiwillige Helfer aus Deutschland.

Die Leute im Kino sind erschöpft, aber trotzdem guter Dinge. Fröhlich berät sich Vetter über Farbe und Form der Plastikstühle für den Open-Air-Bereich mit noch einmal gut 500 Plätzen. Es geht hin und her, bis Markus schließlich die Lösung hat: Wir nehmen 250 mit Lehne und 250 Stühle ohne, beide in Rot. Alle sind glücklich und wollen das Stühleset eben wegräumen, als Fakhri auftaucht. „Komm mal her!“, ruft Vetter seinen Freund, um ihm zu zeigen, was sie entschieden haben. „Rot geht nicht“, schüttelt Fakhri den Kopf. „Die Leute werden sagen, wir sind Kommunisten.“

Dass in der Stadt geredet wird, ist wohl anzunehmen. Rein äußerlich schon passt die Gruppe, die täglich durch die Tür zum Kino geht, nicht recht in ihr Umfeld. Im üblichen Stadtbild sind Frauen in der Minderheit, und da, wo sie auftauchen, tragen sie fast immer das Kopftuch. Im „Cinema Jenin“ sitzt eine junge Deutsche kurzärmelig und in Pumphosen auf den Knien und putzt Seite an Seite mit palästinensischen Arbeitern die Ritzen zwischen den frisch verlegten Steinen im Innenhof. Noch nimmt niemand Anstoß an den fremden Hippies, den Aktivisten und Studenten. Schließlich sind sie aus Solidarität gekommen.

Es ist, als habe die Stadt, die vor acht Jahren in die internationalen Schlagzeilen gekommen ist, als israelische Truppen mit Bulldozern ins Flüchtlingslager von Jenin eingefallen sind, um Terroristen zu jagen, auf nichts anderes gewartet. „Jenin heute ist wie Ramallah vor 50 Jahren“, meint Fakhri. „Eine sehr konservative Gesellschaft, die sich erst langsam anderen Kulturen öffnen muss.“ Doch selbst die Stadtverwaltung, die zur Zeit des Projektstarts noch in den Händen der Islamisten war, hatte keine Bedenken, den Cineasten freie Hand zu lassen. Fakhri weiß indes, dass er behutsam vorgehen muss und das Publikum nicht überfordern darf. Filme mit politischen Botschaften sind zwar erwünscht, doch homosexuelle Helden wird es vorläufig nicht auf der Leinwand geben.

 

Organspende an Israelis

Das „Cinema Jenin“ soll das Image der Stadt verändern, aber es wird auch die Stadt selbst verändern. Genau wie Ismael Khatib, einst KFZ-Schlosser, der seinen Sohn durch die Kugel eines israelischen Soldaten verlor. Achmed war zwölf, als er den Fehler machte, mit einem Holzgewehr zu spielen, das die Soldaten für echt hielten. Während in der Stadt der Ruf nach Rache laut wurde, beriet sich der trauernde Vater mit dem Mufti und mit Zakarijah Sbeide, dem Chef der radikalen Fatah-Brigaden al-Aqsa. Beide unterstützten Ismael bei seinem erstaunlichen Anliegen: Er spendete die Organe des toten Buben an israelische Kinder.

„Ismaels Entscheidung war Stadtgespräch“, erinnert sich Fakhri. „Sogar die Israelis waren schockiert.“ Der trauernde Vater hatte „einen neuen Weg des Widerstands gewählt, indem er die Menschlichkeit der Palästinenser zeigte“. Als Vetter von der Geschichte hörte, entschied er sich, „Das Herz von Jenin“ zu drehen.

Trotz des großen Erfolgs mit dem Film hatte es Vetter zunächst nicht leicht, Sponsoren für sein nächstes Projekt zu finden. „Wir haben wochenlang telefoniert und sämtliche Botschaften und NGOs angerufen“, erinnert sich Fakhri, der zu Marcus und Ismael stieß, um die Sache voranzutreiben.

 

„Das ist nur der erste Schritt“

Alle fanden das Projekt gut, aber keiner hatte Geld. Erst mithilfe der Internetseite „betterplace.org“ kamen 2000 Euro in die Kasse und dann auch weitere Sponsoren. Das deutsche Außenamt steckte die größte Summe ins Projekt: rund 300.000 Euro. Mit dabei sind inzwischen die Palästinensische Autonomiebehörde und das Goethe-Institut. Auch Air Berlin spendete Freiflüge. Als wollte keiner riskieren, am Ende beim Rummel ums neue Kulturzentrum unerwähnt zu bleiben.

Denn nichts weniger als ein Kulturzentrum soll das „Cinema Jenin“ werden. „Niemand soll glauben, das Kino sei das Ende“, lacht Fakhri enthusiastisch. „Das hier ist nur der erste Schritt. Wir machen Jenin zur Medienstadt Palästinas.“ Eine Filmschule ist das nächste Projekt.

AUF EINEN BLICK

Der deutsche Filmemacher
Marcus Vetter drehte vor rund drei Jahren „Das Herz von Jenin“ in der gleichnamigen palästinensischen Stadt. Doch damit wollte er es nicht gut sein lassen. Im Februar 2008 gründete Vetter einen Förderverein, um das alte Kino in Jenin wieder aufzubauen. Das deutsche Außenamt und andere Sponsoren unterstützten das Projekt. Am 8.August soll sich der Vorhang im renovierten Filmtheater heben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2010)

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