Serbien: Die versandete Revolution

Zehn Jahre nach dem Sturz des verhassten serbischen Autokraten Slobodan Milošević blicken die Veteranen der "Bagger-Revolution" ernüchtert auf ein "verlorenes Jahrzehnt" enttäuschter Hoffnungen zurück.

versandete Revolution
versandete Revolution
(c) AP (DARKO VOJINOVIC)

Von der „Bagger-Revolution“ sind ihrem Namensgeber nur die Einschusslöcher in den Scheiben seines Schaufelladers geblieben. „Wäre ich vor zehn Jahren erschossen worden, hätten sie mir ein Denkmal gesetzt“, sinniert auf einem verstaubten Bauhof am Stadtrand der serbischen Hauptstadt Belgrad der Rentner Ljubislav Djoković vor der rostigen Schaufel seines fahruntüchtigen Revolutionsfahrzeugs: „Nun haben sie mich vergessen.“

Auf Bitten von Oppositionsaktivisten im Belgrader Vorort Čukarica hatte „Džo Bagerista“ – „Joe, der Baggerführer“ – seinen Radlader-Koloss schon am Vorabend der Großdemonstration gegen den Wahlbetrug von Serbiens Autokraten Slobodan Milošević von seinem kleinen Schotterwerk in Richtung Zentrum gerollt. Der Geheimdienst habe von dem geplanten Demonstrationseinsatz Wind bekommen und ihn verhindern wollen, erzählt der Mann mit dem verwachsenen Rücken: „Es ging um Leben oder Tod. Sie wollten mich töten. Aber ein Bagger fährt nicht von allein. Einer musste ihn steuern.“

Aus dem ganzen Land hatten sich am 5.Oktober 2000 hunderttausende Serben zum Sturz des verhassten Autokraten in die Hauptstadt aufgemacht. Mit eiserner Hand hatte Milošević seinen Landsleuten mit seinen großserbischen Visionen ein Jahrzehnt der Kriege, der Armut und Isolation, der UN-Sanktionen und Nato-Bombardierung beschert. Mit dem Versuch, seine Schlappe bei der Präsidentschaftswahl gegen den gemeinsamen Oppositionskandidaten Vojislav Koštunica durch die Ansetzung eines zweiten Wahlgangs zu negieren, überspannte der angeschlagene Strippenzieher den Bogen: Belgrads „Bagger-Revolution“ sollte ihn zu Fall bringen.

 

Tränengasschwaden und Schüsse

Tränengasschwaden zogen durch die Innenstadt, als Ljubislav mit seinem Schaufellader die Betonblockaden vor dem Parlament beiseite schob und den Weg zu dessen Erstürmung frei machte. Schüsse peitschten durch das Cockpit des „International 530“ und zerfetzten die Schulterkappen seiner Jacke, als Baggerfahrer Joe danach sein zwei Jahrzehnte altes Gefährt in Richtung des Gebäudes des Staats-TV steuerte. Doch selbst durch die im Schusshagel zersiebten Reifen ließ sich der kleine Mann mit dem großen Mut nicht aufhalten: „Ich überlebte das nur mit Gottes Hilfe.“

Die Einnahme des Fernsehsenders sei das Signal gewesen, dass das Regime tatsächlich gefallen sei, erinnert sich der 77-jährige Rechtsanwalt Vujedin Stanojević an den Tag, auf den er und zehntausende andere Oppositionelle jahrelang hingearbeitet hatten. Doch ausgerechnet der im Wahlkampf zum Hoffnungsträger stilisierte Koštunica habe danach als Präsident den Austausch der Führungskräfte bei Polizei und Sicherheitskräften verhindert: „Ein nachhaltiger Wechsel blieb aus. Es kam nur zu kosmetischen Veränderungen an der Oberfläche.“

Milošević starb 2006 in einer Zelle des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag. Doch die Hoffnungen der Revolutionsveteranen auf eine demokratische Wende sollten bald der Ernüchterung weichen. Nicht nur, weil die Erben der Milošević-Partei längst wieder mit am Regierungstisch sitzen, nennen viele Analysten die Zeit seit der Wende „verlorenes Jahrzehnt“.

Denn schon bald sei deutlich geworden, dass Geheimdienste und Wirtschaftsmogule den Großteil des damaligen Oppositionsbündnis DOS kontrollierten, sagt der 41-jährige Politologe und Ex-Aktivist Strahinja Brajusković. Nur der 2004 ermordete DS-Chef Zoran Djindjić versuchte, gegen die allmächtigen Seilschaften der Oligarchen und Geheimdienste vorzugehen – und musste mit dem Leben bezahlen. Die kriminellen Netzwerke der während der Jugoslawien-Kriege erstarkten Geheimdienste und Tycoons hielten alle Länder der Region „im Würgegriff“: „Die Netze wurden nie zerstört. Wir leiden noch immer am Erbe von Milošević.“

Einen „Parteienstaat mit marginalen Demokratieelementen“ nennt die Soziologieprofessorin Zagorka Golubović das heutige Serbien: Echte Kommunikation mit den Bürgern bleibe aus, die Machtpfründe würden nach „feudalem Parteienprinzip“ verteilt.

 

Wieder bereit zur Baggerfahrt

Erstaunlich behände erklimmt der seit seiner Kindheit behinderte Ljubislav noch einmal das angerostete Symbol der Bagger-Revolution. „Rein gar nichts“ habe sich im letzten Jahrzehnt zum Besseren gewandelt, brummt der 67-Jährige: „Bis zum 5.Oktober hatten wir zwar Milošević, aber auch eine Opposition. Nun haben wir keine Opposition mehr.“ Obwohl ihm sein Einsatz „jede Menge Ärger“ beschert hat, würde der Rentner seine Revolutionsfahrt im heutigen Belgrad sofort wiederholen: „Gib mir einen funktionstüchtigen Bagger – und ich rolle aus Protest sofort wieder ins Parlament.“

Hintergrund

Slobodan Milošević stellte sich im September 2000 erneut der Wahl zum Präsidenten Jugoslawiens (das damals nur noch aus Serbien und Montenegro bestand). Vojislav Koštunica, Kandidat der vereinten Opposition siegte, doch Milošević wollte einen zweiten Wahlgang durchsetzen. Tagelange Massendemonstrationen setzten seinem Regime schließlich am 5.Oktober ein Ende. Am 28.Juni 2001 wurde er an das Haager Jugoslawien-Tribunal ausgeliefert, in dessen Gefängnis er im März 2006 starb.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2010)

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