Videos und Punkrock für einen neuen Kosovo

Unter Kosovos Jugendlichen wächst der Unmut über Arbeitslosigkeit und Korruption. Parteien wie „Selbstbestimmung“ und „Frische Luft“ wollen das bei der Wahl am Sonntag für sich nutzen.

Videos Punkrock fuer einen
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(c) EPA (VALDRIN XHEMAJ)

Es sind junge Gesichter – Gesichter des jüngsten Staates in Europa. Sie blicken ernst, bedeutungsvoll oder lachen einfach in die Kamera. Unzählige junge Passanten aus dem Kosovo wurden von den Aktivisten der NGOs „Youth Initiative for Human Rights“ und „My Initiative“ gefilmt. Und sie alle haben dieselbe Botschaft: Geht zur Abstimmung am Sonntag! Die Videoclips wurden auf YouTube und Facebook hochgeladen. „Voto se s'bon ndryshe“ – „Wähle, denn es gibt keinen anderen Weg“, heißt die Aktion, mit der die NGOs für die Teilnahme an der ersten Parlamentswahl im Kosovo seit der Unabhängigkeit vor zweieinhalb Jahren werben.

„Viele Junge sind frustriert. Sie wollen nicht zur Wahl gehen, weil sie denken, dass sich ohnehin nichts verbessert“, sagt Vjosa Rexhepi von der „Youth Initiative for Human Rights“. „Aber wir versuchen klarzumachen, dass es am Sonntag um unsere Zukunft geht.“ Die 23-jährige Pharmazie-Studentin mit den blond gefärbten Haaren zählt auf, was Kosovos Jugend bedrückt: „Wir sind die Korruption leid und die hohe Arbeitslosigkeit. Und wir wollen endlich so wie die anderen Länder der Region ohne Visa in die EU reisen können.“

Vor allem die Jugendlichen fühlen sich „eingesperrt“. So wie Qendrim. Der junge Mann studiert Englisch, spricht auch beinahe perfektes Deutsch. „Das habe ich aus Filmen gelernt.“ Qendrim möchte seine Ausbildung im Ausland verfeinern. Und dann in den Kosovo zurückkehren, um einen Job zu finden. Kein leichtes Unterfangen: Denn im Kosovo liegt die Arbeitslosenrate bei etwa 45 Prozent, bei Jugendlichen noch höher.

 

Protestsongs gegen Regierung

Die rasend schnellen Gitarrenriffs versetzen die Halle ins Tosen. Hardrock als Therapie für Jugendliche, um ihren Ärger loszuwerden. Der Frontmann der Band „Jericho“ singt sich eine musikalische Anklage gegen das politische Establishment aus dem Leib: darüber, wie sich die Mächtigen im Kosovo bereichern. Mitveranstaltet wurde das Konzert von „Vetëvendosje“ („Selbstbestimmung“). Die Bewegung des einstigen Studentenführers Albin Kurti nimmt am Sonntag erstmals an Wahlen teil. Kurti schafft es mit Aktionismus, die Stimmen vieler Jungen zu gewinnen. Er wettert gegen Korruption und „Bevormundung“ durch internationale Organisationen, die nach wie vor den Aufbau von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in dem jungen Staat überwachen.

Kurti fährt aber auch einen großalbanischen Kurs: „Völlige Unabhängigkeit würde die Freiheit bedeuten, sich einem anderen Staat anschließen zu dürfen“, so der hagere Mann. Was er damit meint, ist klar: Anschluss des mehrheitlich von Albanern bewohnten Kosovo an Albanien. Das ist durch das Ahtisaari-Lösungspaket verboten – einer der Deals, damit die Kosovo-Albaner ihren unabhängigen Staat erhielten.

Niemand zweifelt daran, dass „Vetëvendosje“ ins Parlament einziehen wird. Ob es die andere neue Oppositionspartei „Frische Luft“ (FER) schafft, ist unklar. FER ist ein Zusammenschluss von Vertretern der Zivilgesellschaft. Sie ist nicht nationalistisch wie Kurti, tritt weit intellektueller auf und spricht ebenfalls Jugendliche an: mit Themen wie Marktwirtschaft, Rechtsstaatlichkeit und Kampf gegen Korruption. Ihr Vorsitzender Shpend Ahmeti fürchtet – wie mehrere NGOs –, die Regierung könnte versuchen, die Wahlen zu manipulieren. Ein Vorwurf, den die Regierung freilich zurückweist.

 

Gerüchte über Manipulationen

Die grüne Europaabgeordnete Ulrike Lunacek soll als Wahlbeobachterin mit dafür sorgen, dass am Sonntag alles mit rechten Dingen zugeht. Die Kosovo-Berichterstatterin des Europaparlaments berichtet ebenfalls von Gerüchten, die Regierung könne Manipulationen versuchen. Sie erwarte von den Kosovo-Behörden, dass Wahlbeisitzer, denen schon bei früheren Abstimmungen Verfehlungen vorgeworfen wurden, diesmal nicht eingesetzt werden, sagt Lunacek. „Wir werden die Wahl nur dann als frei und fair anerkennen, wenn das ganz sicher ist.“ Die Kosovaren ruft sie dazu auf, möglichst zahlreich zur Wahl zu gehen.

Daran arbeiten auch Vjosa Rexhepi und ihre Mitstreiter der „Youth Initiative for Human Rights.“ Mit ihrer Aktion: „Wähle, denn es gibt keinen anderen Weg!“

Auf einen Blick

Die Kosovo-Berichterstatterin des EU-Parlaments, Lunacek, forderte bei Treffen mit Kosovo-Politikern faire Wahlen. NGOs hatten zuvor Sorgen über Manipulationen geäußert. [Fabry]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2010)

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