Assange-Anwalt: Der Mann mit den vielen Missionen

"In Großbritannien ist Julian Assange sicherer": Mark Stephens, Anwalt des WikiLeaks-Gründers, will die Auslieferung seines Mandanten nach Schweden verhindern. Es ist nicht der erste spektakuläre Fall des Juristen.

Julian Assange Mann vielen
Julian Assange Mann vielen
Assange – (c) AP (Alastair Grant)

Eigentlich wollte Mark Stephens Schauspieler werden. Die theatralische Geste beherrscht der wuschelhaarige Anwalt von WikiLeaks-Gründer Julian Assange aber immer noch gut. Als sich im Dezember die Freilassung seines Mandaten auf Kaution verzögerte, sprach er auf den Gerichtstreppen mit großer Empörung von einem „Schauprozess“ und „Orwell'schen Bedingungen“.

Hinter dem dramatischen Auftreten steckt freilich ein messerscharfer Verstand, der Stephens zu einem der meistbeschäftigten Anwälte Londons gemacht hat. Der 48-jährige Vater dreier Töchter ist nicht nur als Medienanwalt bekannt. In seinem weites Betätigungsfeld bringt er Fälle über Firmenpensionen ebenso unter wie die britischen Bergarbeiter unter Arthur Scargill, deren Sache sich Stephens 1984 annahm, als die damalige Premierministerin Margaret Thatcher die Schließung der Kohlegruben erzwang.

Der 18-monatige Kampf bedeutete das Ende der britischen Gewerkschaften. Eine neue Gesellschaft entstand, die in New Labour mündete. Stephens ist stolz, dass er für die Bergarbeiter zumindest finanziell das Maximum herausholen konnte. „Ich war immer eher daran interessiert, Gerechtigkeit für die Unterdrückten, Schwachen und Verwundbaren unserer Gesellschaft zu erkämpfen.“ So war er auch 1986 beim Streik gegen Medienzar Rupert Murdoch wieder zur Stelle.

Sein Interesse an der Kunst- und Medienbranche wurde bereits im Kindesalter geweckt. Sein Vater war Maler, Stephens besuchte zunächst die Schauspielschule: „Wir waren sehr, sehr arm“, erinnert er sich. Vielleicht einer der Gründe, warum ihn sein Vater „durch einen Trick“ zum Jusstudium bewegte. Fehler war es keiner. Allein die Auswahl an Rechtsfällen, die Stephens für erwähnenswert hält, füllt 18 Seiten.

Da ist Assange noch gar nicht dabei. „Wir lernten uns bei einer Diskussion kennen und teilten das Interesse an den Veränderungen in den Medien durch neue Technologien“, erinnert sich Stephens. Nähere Bekanntschaft schloss man nicht. Bis er plötzlich im Vorjahr einen Anruf von Assange erhielt, der ihn um Rechtsvertretung bat: „Jedes Mal, wenn er seinen Namen eingab, tauchte das Wort Vergewaltigung auf.“ Nach Aussagen von Stephens tat Assange alles, um sich der schwedischen Justiz zu stellen, scheiterte aber an der Weigerung der zuständigen Staatsanwältin. Erst nach der Veröffentlichung der US-Depeschen habe die schwedische Justiz auf einmal „vergleichsweise mit Überschallgeschwindigkeit“ reagiert und Assanges Auslieferung verlangt. Mittlerweile glaubt Stephens, dass der WikiLeaks-Gründer in Schweden nicht mehr sicher sei: „Man kann ihnen nicht trauen.“

Auslieferungsantrag „nichtig“. Bei der nächsten Auslieferungsverhandlung Anfang Februar werde man argumentierten, dass der schwedische Antrag nichtig sei. Assange sei zwar zu einer Aussage vor Behörden des Landes wegen der Vorwürfe sexueller Vergehen bereit. Aber nicht in dem Land selbst. „In Großbritannien ist er sicherer.“

Die Folgen von WikiLeaks sind nach Meinung von Stephens nicht einmal noch in Umrissen erkennbar. Den Spannungsbogen sieht er zwischen Informationsfreiheit („Grundlage der Demokratie“) und Vertraulichkeit („muss es geben“). Zwar antwortet er auf die Frage, ob WikiLeaks verantwortlich gehandelt habe: „Da steht mir kein Urteil zu.“ Doch betont Stephens, dass WikiLeaks vor den Veröffentlichungen mit US- und britischen Behörden Kontakt aufgenommen habe; durch die Enthüllungen seien weder Leben noch Einsätze gefährdet worden. Er selbst habe „einen Brief von Assange an den US-Botschafter aufgegeben“.

Warum dann die Aufregung, wenn die USA ohnehin alles wussten? „Washington konnte nicht den Eindruck erwecken, über die Leaks erfreut zu sein.“ In Wahrheit aber „dürfen wir sicher sein, dass nichts von dem Material etwa für China oder Russland eine Überraschung war“. Dass es überhaupt zur Weitergabe der mehr als 250.000 US-Depeschen kommen konnte, führt Stephens auf die laxen Sicherheitsbestimmungen bei neuen Technologien zurück. Doch eine der Folgen von WikiLeaks sei bereits erkennbar: „Es wird bereits rigoros gegen Geheimnisverräter vorgegangen. Wenn wir aber in Zukunft nur mehr autorisierte Informationen bekommen, werden wir von der Wahrheit sicher weniger wissen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2011)

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