Proteste in Ägypten: "Tunesien ist die Lösung"

Die Jugendlichen, die täglich auf den Straßen der ägyptischen Hauptstadt Kairo demonstrieren, wollen eine Revolte wie in Tunis herbeiführen. Trotz massiver Drohungen versammeln sich Tausende auf den Straßen.

(c) REUTERS (ASMAA WAGUIH)

Kairo. Die Proteste in der ägyptischen Hauptstadt sind zum Kampf zwischen zwei Welten geworden: auf der einen Seite der traditionelle Sicherheitsapparat mit all seiner Bereitschaftspolizei und den im Hintergrund agierenden Geheimpolizisten, auf der anderen Seite eine neue Generation, die sich nicht mehr einschüchtern lässt.

Ihre Waffe ist das Internet. Sie organisieren sich mithilfe von Blogs, dem sozialen Netzwerk Facebook, das in der arabischen Welt mehr Nutzer hat als die Tageszeitungen, und dem Kurznachrichtendienst Twitter. Was in der tunesischen Revolte zum Einsatz kam, das hat in Ägypten schnell Schule gemacht.

Am Mittwoch haben sich wieder beide Seiten in Kairo aufgebaut. Der Polizeiapparat versuchte sich an der epischen Herausforderung, alle Straßenecken in der 18- Millionen-Stadt zu besetzen. Die Jugendlichen machen seit den frühen Morgenstunden für ihren nächsten Protesttag mobil. Trotz massiver Drohungen versammelten sich Tausende auf den Straßen.

Noch in der Nacht davor waren sie mit Knüppeleinsatz, Tränengas und Wasserwerfern vom Platz der Befreiung im Zentrum Kairos vertrieben worden. Doch schon wenig später tauschten die Demonstranten via Facebook-Tipps aus, wie man am besten mit den neuen gepanzerten Wasserwerfern des ägyptischen Sicherheitsapparats umgehen solle.

 

Neue Generation des Widerstands

„Nehmt Beutel mit schwarzer Farbe und Sprühdosen mit“, heißt es dort. Zunächst müsse der Farbbeutel auf die kleine Windschutzscheibe des gepanzerten Fahrzeuges geworfen werden und dann mittels Sprühfarbe das restliche Fenster verdunkelt werden. Dann sei es leicht, die Reifen der Fahrzeuge aufzuschlitzen.

Was hier seinen Ausdruck findet, ist eine völlig neue Generation des Widerstands gegen ein seit drei Jahrzehnten herrschendes Regime, mit dessen Präsident Hosni Mubarak sie geboren und aufgewachsen sind. Als der an die Macht kam, saß in Österreich Bruno Kreisky im Kanzleramt. Jetzt wollen sie nicht mehr kuschen wie ihre Eltern, und sie wollen auch nicht versuchen, es sich mit dem Regime einzurichten.

Zu richten gibt es auch nichts mehr. Das Regime hat ihnen nichts zu bieten, außer Arbeitslosigkeit, wachsender Armut und Korruption. Was für Tunesien galt, das ist auch für Ägypten gültig – ein Land, in dem jeder Vierte mit knapp mehr als einem Euro am Tag auskommen muss.

Und was ist mit den Islamisten, lautet der Furchtschrei aus Europa. Damit ist Mubarak jahrzehntelang hausieren gegangen, er sei „die einzige Option und Bollwerk gegen die Muslimbrüder und deren Slogan ,Islam ist die Lösung‘“. Doch das haben die Jugendlichen auf Ägyptens Straßen hinter sich gelassen. Hier marschieren sie alle gemeinsam: junge Muslimbrüder, Linke, Nasseristen und viele aus der Mittelschicht, die sich noch nie für Politik interessiert haben. „Tunesien ist die Lösung“, rufen sie.

Viele von ihnen haben diese Woche das erste Mal in ihrem Leben an einer Demonstration teilgenommen. Die traditionellen Oppositionsparteien, die genauso wie die Regierungen von „Dinosauriern“ geführt werden, haben keine Lösungen für sie parat. Angst haben die Demonstranten keine mehr: „Wir sind hier nicht als Muslimbrüder, sondern als Ägypter“, erklären zwei junge Männer stolz. „Es ist uns egal, was unsere Führung alter Männer sagt.“

 

Pfiffe gegen die Alten

Als sich die Polizei am Dienstagabend vom Platz der Befreiung zurückgezogen hatte und die Jugendlichen dort spontan ein Volksfest feierten, wollten die alten Vertreter der Oppositionsparteien Reden halten. Sie wurden von den Jugendlichen niedergeschrien. „Was wollt ihr hier“, riefen sie, „jahrelang habt ihr nichts geändert und euch mit dem Regime arrangiert, und jetzt wollt ihr euch vor unseren Karren spannen.“

Während die alten Oppositionellen sich nicht trauen, den Rücktritt Mubaraks zu fordern, verlangen die Jungen das ungeniert. „Nieder mit dem Regime, stürzt Mubarak“, riefen sie. Hier wird das ganze marode arabische Politik-System an den Pranger gestellt.

Wie es weitergeht, ist unklar. Vielleicht schafft es die Polizei mit Gewalt, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Aber die Jugendlichen, die sich dieser Tage ohne Angst vor die Polizeiketten gestellt und diese erstmals in der ägyptischen Geschichte in die Flucht geschlagen haben, werden nicht einfach wieder nach Hause gehen und so tun, als wäre nichts geschehen. Für sie alle gibt es eine neue Zeitrechnung: die Zeit vor und nach der tunesischen Revolte. Leitartikel S.2

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2011)

Kommentar zu Artikel:

Proteste in Ägypten: "Tunesien ist die Lösung"

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen