Nachruf: Erbakan machte politischen Islam salonfähig

Der verstorbene türkische Ex-Regierungschef Necmettin Erbakan wollte seinen ehemaligen Zögling Erdoğan bei den Parlamentswahlen im Juni als Knecht Israels hinstellen und selbst wieder Ministerpräsidenten werden.

(c) REUTERS (STR)

Ankara. Seine Eltern nannten ihn „Necmettin“ – „Stern der Religion“. Erbakan trug diesen in der Türkei seltenen Vornamen nicht zu Unrecht. Jahrelang hatte er versucht, in Atatürks laizistischer Republik eine islamische Bewegung an die Macht zu bringen; „Sei es mit Blut, sei es ohne Blut“, lautete ein berühmter Ausspruch von ihm.

Im Jahre 1996 schien das Ziel ganz nahe: In einer Koalition mit Tansu Ciller wurde Erbakan zum Ministerpräsidenten gewählt. Ein Jahr später hatte ihn das Militär jedoch bereits wieder aus dem Amt gedrängt. Erbakan hatte mit seiner Unfähigkeit oder seinem Unwillen, radikale Islamisten in seiner Partei zu bremsen, seinen Sturz aber auch selbst verschuldet.

Am Sonntag hat nun auch das Herz von Necmettin Erbakan aufgehört zu schlagen. Er war 85 Jahre alt. Dabei hatte er sich noch Großes vorgenommen: Bei den Parlamentswahlen im Juni wollte er es wieder zum Ministerpräsidenten bringen. Seinen ehemaligen Zögling Recep Tayyip Erdoğan wollte er im Wahlkampf als Knecht Israels hinstellen. Das zeigt: Mit der Wirklichkeit hat es Erbakan oft nicht so genau genommen. Denn unter dem heutigen Ministerpräsidenten Erdoğan haben die Beziehungen zu Israel einen Tiefpunkt in der türkischen Geschichte erreicht.

Der gemütlich wirkende Erbakan hat die radikalen Islamisten um sich geschart, sich nie von ihnen abgewandt, sie aber auch nie in eine islamische Revolution geführt. Als im Jahr 1998 seine Wohlfahrtspartei verboten wurde, erinnerte Erbakan seine Anhänger mit wenigen Worten an die Pflicht der Muslime zum „itaat“, zum „Gehorsam“. Dass der Chef des türkischen Generalstabs, Isik Kosaner, Erbakan nach seinem Tod als einen Staatsmann bezeichnete, der sich große Verdienste erworben hat, war nicht nur eine reine Höflichkeit für einen Gegner von einst. Die Wählerschaft von Erbakans „Glückseligkeitspartei“, zuletzt noch etwa zwischen drei und fünf Prozent, wird Erdoğan mit seiner gemäßigt islamischen AK-Partei beerben können. Er läuft damit aber auch Gefahr, die Hitzköpfe unter Erbakans Anhängern zu erben. Denn über Erbakan und seine Anhänger war die Zeit in den letzten Jahren längst hinweggegangen.

 

Erdoğan näher am Zeitgeist

Erdoğan hat es verstanden, die islamische Bewegung in der Türkei aus der Sackgasse der Konfrontation mit dem Militär herauszuführen. Die Revolution in der arabischen Welt passt ebenfalls nicht mehr in das alte Schema der lawinenartig wachsenden fundamentalistischen Bewegungen, in denen Erbakan seinen Platz hatte. Aber wer weiß, wie die Geschichte weitergehen wird, wenn der erste Enthusiasmus verflogen ist und radikale, gut organisierte islamistische Gruppen den Frust der enttäuschten Revolutionäre versuchen aufzufangen? Ein Erbakan, der nicht zu weit geht, könnte noch gebraucht werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2011)

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