Der zögerliche Marsch auf Tripolis

Gaddafi kontrolliert mit starken loyalen Einheiten seine „Festung Tripolis“ und dürfte von den Rebellen schwer zu vertreiben sein. Eine fremde Intervention zeichnet sich nicht ab.

zoegerliche Marsch Tripolis
zoegerliche Marsch Tripolis
(c) REUTERS (AHMED JADALLAH)

Muammar al-Gaddafi saß am Dienstag immer noch am Ruder. Mal gibt er Interviews, mal macht er al-Qaida, mal ausländische Spione für die Unruhen verantwortlich. Oder behauptet, es sei ruhig im Land und alles nur eine Erfindung der ausländischen Medien. Der Despot hat sich verschanzt hinter seinen Elitetruppen in Tripolis und Sirte, wo sein Stamm herrscht. Und im freien Osten Libyens wachsen die Zweifel, ob und wann man das Regime endgültig aus den Angeln heben kann.

„Keine Intervention von außen, das libysche Volk schafft das allein“, steht auf einem Banner, das Aufständische an der Corniche von Bengasi aufgehängt haben. Auch der neue „Nationalrat“ der neun Städte in der Cyreneika stößt ins gleiche Horn. Man begrüße internationale Hilfen, erklärte Sprecher Abdel Hafiz Ghoqa. „Für die Befreiung von Tripolis jedoch setzen wir allein auf unsere Armee.“ Doch deren Kommandeure zweifeln, ob sie der gewünschten Heldenrolle gerecht werden können.

 

„Die Zeit läuft gegen uns“

„Wir werden siegen oder sterben“ hat jemand beim Zivilflughafen von Bengasi auf die Mauern der Benina-Airbase gesprayt, deren Truppe zu den Rebellen wechselte. „Die Zeit läuft gegen uns“, sagt ein Fliegeroberst, der nur vor der Kaserne reden will und sich Mohammed nennt. „Wir haben begonnen, unsere Truppen und Arsenale zu koordinieren.“ Man könne die Basis verteidigen, aber für einen Angriff auf Tripolis reichten die Kräfte nicht. Hier seien auch nur Transportflugzeuge, keine Kampfhubschrauber oder -jets.

Gaddafi kontrolliert die wichtigsten Militärbasen Bab al-Azizia in Tripolis und Al-Gardabiyya in Sirte, wo er auch zu wohnen pflegte. Gerade nach Ende des internationalen Waffenembargos 2004 ging er in Moskau und Paris auf milliardenschwere Einkaufstour. „Wenn UNO und USA helfen wollen, sollten sie diese zwei Militärzentren angreifen und über Libyen eine Flugverbotszone errichten“, meint der Oberst. Den Rest könne das Volk allein schaffen.

Seit Libyens Armee im Krieg gegen den Tschad 1987 unterlag, setzte Gaddafi auf seine Revolutionsgarden. Die wohl 3000 Mann sind mit modernen russischen Kampf- und Schützenpanzern, ja Boden-Luft-Raketen gerüstet. Seine Söhne Mutasim, Saadi und Khamis befehligen weitere Eliteverbände und Kampfhubschrauber, man schätzt die loyalen Truppen samt Söldnern auf maximal 12.000 Mann. Die reguläre Armee (50.000 Mann) und die 40.000 Volksmilizionäre aber sind schlecht trainiert und gerüstet. Teile der Luftwaffe haben französische und russische Jets aus den 70er und 80er Jahren.

Vielleicht gibt man sich bei der Nato auch deshalb reserviert zum Thema Errichtung einer Flugverbotszone über Libyen. Die meisten Militärexperten sagen aber, dass wenige libysche Jets flugbereit sind und die Luftabwehr nicht geschlossen operieren kann; die des Irak war bei der US-Invasion 2003 viel stärker. Mehrere europäische Staaten, Australien und Kanada möchten eine „No-fly-Zone“, die USA äußerten sich nicht eindeutig. China lehnte am Dienstag so eine Zone ab; sie wäre wegen Libyens Größe auch schwer umzusetzen.

 

EU beschließt Sondergipfel

Die Vorbereitungen für eine etwaige militärische Libyen-Aktion laufen indes zäh. Mehrere US-Schiffe nähern sich Libyen, die USA haben aber jetzt nur etwa acht große Kriegsschiffe im Mittelmeer. Im Roten Meer fahren der Flugzeugträger „Enterprise“ und ein Helikopterträger Richtung Mittelmeer; die Enterprise war erst vor zwei Wochen von dort ins Rote Meer gelaufen. Die US-Regierung will noch keine Militäraktion andeuten. Verteidigungsminister Robert Gates sagte, Italien und Frankreich hätten rascher verfügbare Kräfte in der Region.

Am Montag stachen ein französischer „Mistral“-Hubschrauberträger und eine Fregatte in See, angeblich zu Übungszwecken. Eine Militärintervention habe jetzt aber keine Priorität, hieß es seitens der Regierung. Auch Italien und Spanien haben größere Flottenverbände im Mittelmeer, darunter drei kleine Flugzeugträger; die Militärs hüllen sich aber in Schweigen.

Die Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Staaten kommen am 11. März jedenfalls zu einem Libyen-Sondergipfel zusammen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2011)

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