Kampf um Libyens Osten: Gaddafi schlägt brutal zurück

Truppen des Machthabers greifen "befreite" Städte an. Der Internationale Strafgerichtshof nimmt gegen den Gaddafi-Clan Ermittlungen wegen des Verdachts auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf.

Aufständische
Aufständische
(c) EPA (KHALED ELFIQI)

Muammar al-Gaddafi holt zum Gegenschlag aus: Am Mittwoch haben seine Truppen mehrere Städte im von Aufständischen besetzten Osten des Landes angegriffen. Der Machthaber ließ sich gleichzeitig in Tripolis feiern. "Wir werden bis zum letzten Mann kämpfen", erklärte Gaddafi vor Anhängern.

Während sich kein Ende des Blutvergießens in Libyen abzeichnet, kündigt der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag am Mittwoch-Nachmittag die Aufnahme von offiziellen Ermittlungen gegen den Gaddafi-Clan wegen des Verdachts auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit an. Die Prüfung bisher vorliegender Informationen habe ergeben, dass die Aufnahme von Ermittlungen gerechtfertigt sei, erklärte Chefankläger Luis Moreno-Ocampo.

Im Osten Libyens ging unterdessen weiter die Angst um. Welche gefallenen Städte werden Gaddafis "Rache" am stärksten zu spüren bekommen?

Am Mittwoch stießen die Truppen des Machthabers nach Brega im Osten des Landes vor. Es kam zu blutigen Kämpfen mit den Aufständischen. Mindestens 14 Menschen wurden dabei getötet, berichtet Al-Jazeera. Mittlerweile sollen Gaddafis-Truppen die Öl-Stadt "umzingelt" haben und Kampfflugzeuge über Brega kreisen. Es habe auch schon die ersten Luftschläge gegeben, berichtet al-Jazeera.

 

Auch aus Ajdabiyah wurden am Mittwoch Luftangriffe gemeldet. Gaddafi-treue Truppen sollen zuvor in die im Osten gelegene Stadt vorgedrungen sein und sich Gefechte mit den Aufständischen geliefert haben.

Zudem soll es den Regierungstruppen gelungen sein, die Stadt Gharyan im Nordwesten des Landes zurückzuerobern. Aufständische hatten die Stadt erst am Freitag eingenommen.

"Es herrscht Panik"

In Bengasi, der zweitgrößten Stadt des Landes und Hochburg der Aufständischen, haben die Menschen von  den Truppenbewegungen im ganzen Land gehört und versuchten deshalb, das in der Stadt vorhandene militärische Gerät in einen einsatzbereiten Zustand zu bringen. Oppositionelle baten außerdem die internationale Gemeinschaft um Unterstützung. Sie fürchten sich vor einem Luftangriff der Gaddafi-Truppen. Auch In Az-Zintan im Nordwesten Libyens dürfte sich die Lage dramatisch zuspitzen: "Es herrscht Panik, die Stadt ist von unzähligen Armeefahrzeugen umstellt", sagte ein Bewohner der Stadt gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

Gaddafi ließ sich am Mittwoch bei einem Auftritt in der Hauptstadt feiern. Das staatliche Fernsehen übertrug Bilder von einer Feier zum "34. Jahrestag der Herrschaft des Volkes", die in einem Festsaal stattfand. Gaddafi wirkte gelöst und zufrieden, während seine Anhänger "Gott, Muammar, Libyen und sonst nichts!" riefen. Gaddafi hatte 1977 die "Volksherrschaft" und die Gründung der "Sozialistischen Libysch-Arabischen Volks-Jamahiriya" proklamiert.

In seiner Rede an das Volk wiederholte Gaddafi alte Standpunkte: Hinter dem Aufstand würden das Terror-Netzwerk "al-Qaida" und "bewaffnete Gangs" stecken.

Flüchtlingswelle: "Lage chaotisch"

Das Flüchtlings-Hochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) hat unterdessen an die Weltgemeinschaft appelliert, Hunderte Flugzeuge zur Rettung von Flüchtlingen an die libysch-tunesischen Grenze zu entsenden. Dort warteten derzeit Menschenmassen auf einer Fläche von der Größe mehrerer Fußballfelder "in eisiger Kälte" auf eine Weiterreise, sagte UNHCR-Sprecherin Sybella Wilkes.

In Bildern: Der Kampf um Libyen

"Die Lage ist ausgesprochen chaotisch", fügte sie hinzu. Viele der Flüchtlinge hätten bereits "drei oder vier Nächte draußen im Regen" verbracht. Nach Angaben der Sprecherin flohen bisher knapp 80.000 Menschen aus Libyen nach Ägypten und etwa noch einmal so viele nach Tunesien. Damit seien mehr als 150.000 Flüchtlinge zu versorgen.

Barroso: "Es ist Zeit für ihn zu gehen"

EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso forderte Gaddafi am Mittwoch zum Rücktritt auf. "Oberst Gaddafi ist Teil des Problems, nicht Teil der Lösung. Es ist Zeit für ihn zu gehen", sagte Barroso nach einer Aussprache der EU-Kommission in Brüssel am Mittwoch zur Lage in Nordafrika. Die EU werde ihre humanitäre Soforthilfe für Flüchtlinge aus Libyen umgehende von 3 Millionen auf 10 Millionen Euro aufstocken kündigte Barroso an.

Hintergrund

Seit zwei Wochen rebellieren in Libyen Menschen gegen das Regime von Muammar al-Gaddafi. Die Demonstranten sind Beobachtern zufolge überwiegend nicht religiös motiviert, sondern lehnen sich gegen Unterdrückung und Armut auf.

Nach offiziellen Angaben sind seit Beginn der Proteste mindestens 300 Menschen getötet worden. Hilfsorganisationen schätzen die Zahl der Toten auf mehrere tausend. Das brutale Vorgehen gegen die Demonstranten sorgt weltweit für Kritik.

Gaddafi hat die Kontrolle über weite Teile des Landes verloren. Im östlichen Bengasi wurde eine Gegenregierung gebildet. Zuletzt gelang es Gaddafis Truppen aber, mehrere Städte zurückzuerobern. Einen Rücktritt lehnt er aber strikt ab.

(Ag./Red.)

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