„Der politische Islam ist für die Jungen Geschichte“

Islamexperte Olivier Roy über die gefährliche Zuspitzung des Generationenkonflikts in Nordafrika und das Desinteresse junger Revolutionäre an Ideologien.

Die Presse: Wer sind diese jungen Menschen, die in Nordafrika und im Nahen Osten auf die Straße gehen?

Olivier Roy: Sie sind sehr gebildet, weit mehr als ihre Eltern. Sie leben in kleineren Familien, haben weniger Kinder. Und sie sind großteils arbeitslos. Vor allem haben sie dank des Internets viel mehr Informationen über die Außenwelt – und dank Facebook, Twitter und so weiter sind sie international vernetzt. Im Gegensatz zu ihren Eltern sind sie extreme Individualisten: Ihr Ziel ist ein besseres Leben – im Sinne von mehr Freiheiten und Demokratie.

Was ist ihr Modell?

Sie haben kein Vorbild. Ihre Ziele sind konkret und pragmatisch, sie wollen freie Wahlen und ihre Meinung frei äußern können. Und ein Ende der autoritären, korrupten Systeme. Diese bieten ihnen null Perspektive, deshalb sind sie ja auch bereit, bis zum Äußersten zu gehen. Ihre Erwartungen sind enorm hoch. Politische Ideologien interessieren sie aber überhaupt nicht – weder der Nationalismus, noch der Sozialismus, der Panarabismus und auch nicht der Islamismus. Das alles ist für sie Teil der Vergangenheit.

Welche Rolle spielt der Islam?

Eine wichtige Rolle, auch für die Identitätsfindung dieser jungen Menschen. Sie sind sehr religiös. Der große Unterschied zu ihren Eltern ist aber: Religion wird als etwas Individuelles empfunden. Der politische Islam und die Revolutionen der 1970er- und 1980er-Jahre sind für sie Geschichte – und gescheitert, wie auch die Proteste im Iran zeigen. Iran und Saudiarabien sind abschreckende Beispiele. Hinzu kommt: In den letzten Jahren hat zwar eine verstärkte Islamisierung der nordafrikanischen Gesellschaften stattgefunden. Das hat sich aber nicht bewährt. Die Jungen fordern Veränderungen.

In einer Umfrage vor einem Jahr sprach sich aber eine Mehrheit der Befragten in Nordafrika dafür aus, Verstöße gegen das „islamische Recht“ zu bestrafen. In Ägypten etwa war mehr als die Hälfte für Demokratie, zugleich befürworteten 82 Prozent Steinigungen bei Ehebruch.

Diese Umfrage hat die sehr unterschiedlichen Einstellungen der Generationen nicht in Betracht gezogen, da wurde wohl alles in einen Topf geworfen. Hätte man nur junge Menschen befragt, wäre man zu einem anderen Ergebnis gekommen.

Birgt dieser Generationskonflikt nicht neuen sozialen Sprengstoff in sich?

Durchaus. Die politischen Kulturen der Zwanzig- bis Dreißigjährigen und die ihrer Eltern sind sehr unterschiedlich. Der Kult des Anführers, des Staates oder die öffentliche Rolle des Islam – darin findet sich die junge Generation nicht mehr wieder. Die Alten haben kein Verständnis für die Forderungen der Jungen, sie verstehen nicht, was diese wollen: Sie finden, die Jungen gehen zu weit. Ein alter Armeegeneral hat im Grunde mehr mit einem ägyptischen Muslimbruder gemeinsam als mit einem Demonstranten auf dem Tahrir-Platz.

Was bedeutet das für den Transformationsprozess? Die Demonstranten sind politisch so gut wie nicht organisiert, es gibt ja auch keinen Anführer.

Nun werden Vertreter der sogenannten alten Garde versuchen, durch eine Öffnung die Lage zu beruhigen. Schrittweise werden sie aber traditionelle Netzwerke reaktivieren. Vertreter der gestürzten Regimes oder politische Anführer der Vergangenheit werden wieder auftauchen. Die „Alten“ werden versuchen, die „Kids“ vom Transformationsprozess auszuschließen. Das wissen die Demonstranten, sie werden sich das nicht gefallen lassen. Es wird ein langer, schwieriger Prozess. Aber die Chancen für Demokratie sind vorhanden.

Nordafrikas Staaten und Gesellschaften sind sehr unterschiedlich. Inwieweit kann man da wirklich von einem Dominoeffekt reden?

Ohne Zweifel besteht ein „Spiegeleffekt“, die einzelnen Protestbewegungen beeinflussen einander. Und man kann von einer „neuen“ postislamistischen Generation reden, in all diesen Ländern sind die Jugendlichen sehr freiheitsliebend. Aber natürlich haben die einzelnen Staaten eine sehr unterschiedliche Geschichte und politische Kultur – dementsprechend unterschiedlich werden auch die Folgen der Proteste sein.

Könnten nun nicht Terrorgruppen wie al-Qaida die Destabilisierung nützen?

In den vergangenen zehn Jahren hatte al-Qaida in den meisten arabischen Staaten wenig Unterstützung. Das will der Westen einfach nicht verstehen: Al-Qaida ist nicht in Nordafrika. Die Organisation ist in Afghanistan, Pakistan. Und in den Vorstädten von London und Paris.

Zur Person

Olivier Roy ist einer der anerkanntesten Experten für die islamische Welt. Er lehrt am Robert-Schuman-Zentrum in Florenz. Sein Buch „Der islamische Weg nach Westen“ (2006) gilt als Standardwerk.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2011)

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