Ai Weiwei: Erstes Wiedersehen nach 43 Tagen Haft

Nachdem der Künstler und Dissident Ai Weiwei über eineinhalb Monate verschollen war, durfte ihn nun erstmals seine Frau in der Polizeihaft besuchen. Die Vorwürfe gegen ihn bleiben unklar.

(c) REUTERS (STEFAN WERMUTH)

Peking. 43 Tage lang war Ai Weiwei spurlos verschwunden. Am Sonntag durfte ihn seine Ehefrau, Lu Qing, erstmals seit seiner Festnahme am 3.April kurz sprechen. Sie traf den Künstler an einem unbekannten Ort, mehrere Polizisten waren die ganze Zeit dabei. Gesundheitlich soll es ihm gut gehen. Allerdings ist unklar, ob man ihm gesagt hat, was ihm vorgeworfen wird und welche Reaktionen sein Verschwinden weltweit ausgelöst hat. Seine Schwester Gao Ge: „Wir wissen nicht, ob Ai Weiwei es weiß.“ Die Angehörigen seien aufgefordert worden, mit Journalisten keine Einzelheiten des Treffens zu besprechen, wenn sie Ai Weiwei nicht schaden wollten, hieß es. Wegen der Kürze der Zeit hätten sie nur über Familienangelegenheiten geredet. Ehefrau Lu Qing war am Sonntagnachmittag zur Polizeistation gerufen worden. Von dort brachte man sie mit einem Wagen zu einem Gebäude, in dem sie ihren Mann traf. Sie habe nicht sehen können, wohin sie gefahren wurde.

 

Chinas Regierung ist nervös

Damit scheint sich zu bestätigen, was Freunde und Verwandte des Künstlers seit Längerem angenommen haben: Ai Weiwei wird nicht in einem Gefängnis oder auf einer Wache, sondern in einem der vielen sogenannten „Gästehäuser“ der Polizei festgehalten. Diese Form „weichen Arrests“ wird in China häufig angewendet. Sie gibt den Behörden einen Vorwand, sich nicht an die gesetzlichen Vorschriften zu halten, wonach Verdächtigte spätestens 37 Tage nach ihrer Festnahme einen Haftbefehl erhalten und Kontakt zu Anwalt und Familie haben müssen.

Noch immer ist unklar, welche Vorwürfe die Behörden gegen Ai Weiwei erheben. Chinesische Medien und Funktionäre erklärten, man ermittle gegen ihn wegen „wirtschaftlicher Delikte“. Seine Familie glaubt nicht, dass dies stimmt. Freunde fürchten, dass er noch eine ganze Weile lang festgehalten werden könnte, weil die Regierung während der heiklen Periode um den 4.Juni (Jahrestag des blutigen Endes der Tian'anmen-Demonstrationen 1989) traditionell besonders nervös ist.

 

Ideenklau und Sex-Exzesse?

Als Reaktion auf Berichte in chinesischen Medien, die dem Ruf Ai Weiweis als Künstler zu schaden versuchen und ihm beispielsweise „Ideenklau“ und sexuelle Ausschweifungen vorwarfen, haben zwei Pekinger Kunstverständige in der vergangenen Woche einen Artikel unter der Überschrift „Ai Weiwei ist ein kreativer Künstler“ veröffentlicht (siehe Interview unten).Der Artikel ist bemerkenswert, da viele Künstler und Interellektuelle derzeit eingeschüchtert sind und sich nicht trauen, öffentlich zum Fall Stellung zu beziehen.

In dem Artikel beschreiben die Schriftstellerin Zhang Yihe, die selbst zehn Jahre im Gefängnis und Lager verbracht hat, und der prominente Pekinger Kunstkritiker und Kurator Li Xianting die künstlerische Entwicklung Ai Weiweis seit seiner Beteiligung an der ersten unabhängigen Künstlergruppe „Sterne“ 1980.

In den 90er-Jahren kam er in New York mit der internationalen Avantgarde in Kontakt, unter anderem mit Andy Warhol, dessen Selbstporträt derzeit in der deutschen Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ im Pekinger Nationalmuseum zu sehen ist. Nach seiner Rückkehr 1993 machte Ai Weiwei sich einen Namen als Architekt, Kurator von Konzept- und Aktionskunst und arbeitete mit internationalen Kunstsammlern und Kuratoren zusammen. In jüngster Zeit wandte er sich immer stärker dem Internet und sozialen Themen wie dem Erdbeben in Sichuan zu.

Zur Person

Ai Weiwei ist chinesischer Künstler und Menschenrechtsaktivist. Er wurde am 3.April verhaftet. Bei den Behörden machte er sich mit Aktionismus zugunsten der Opfer des Erdbebens von Sichuan unbeliebt. [DAPD]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2011)

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