Sabotage: Start der Gaza-Flottille verschoben

Israel wirft Aktivisten vor, nicht nur Hilfsgüter, sondern auch chemische Substanzen an Bord zu haben. Die Organisatoren dementieren. Marine hat Anweisung, die Flottille unter keinen Umständen durchzulassen.

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(c) REUTERS (YIORGOS KARAHALIS)

Jerusalem. Säcke voller chemischer Substanzen, so warnt Israels militärischer Abwehrdienst, sollen die Schiffe der Gaza-Flottille an Bord haben, die voraussichtlich noch diese Woche in See sticht. Die Armee fürchtet, dass diese Substanzen, darunter Schwefel, gezündet werden könnten, wenn die israelische Marine die Schiffe stoppt. Greta Berlin, eine der Organisatorinnen der Flottille, stritt am Dienstag telefonisch den Vorwurf ab: „Nicht wir, sondern die Israelis setzen Chemikalien ein. Unsere Fracht wurde überprüft.“

Israels Premier Benjamin Netanjahu bleibt hartnäckig: Die Marine hat Anweisung, die Flottille unter keinen Umständen durchzulassen. Es seien Aktivisten auf den Schiffen, „die das Blut israelischer Soldaten vergießen wollen“, zitierte die Tageszeitung „Haaretz“ die besonders düsteren Prognosen „militärischer Quellen“. Seit Wochen trainiert eine Marine-Sondereinheit, unterstützt von Luftwaffe, Polizei und Gefängnispersonal.

Nach dem Desaster bei der Erstürmung der letzten Gaza-Flottille im Mai 2010, als neun pro-palästinensische türkische Aktivisten getötet wurden, will man diesmal auf alles gefasst sein.

Zehn Schiffe mit rund 400 Aktivisten sind bereits vor der griechischen Küste versammelt. „Möglich ist, dass bis zum Wochenende noch 150 weitere Aktivisten dazukommen.“ Greta Berlin hofft, dass bis dahin die letzten Formalitäten geklärt werden können, „die uns Israel eingebrockt hat“. Ein anonymes Schreiben an die griechischen Behörden hatte die Seetüchtigkeit des US-Schiffes „The Audacity of Hope“ infrage gestellt, auf dem auch Greta Berlin reisen will.

 

Durchtrennte Antriebswelle?

Außerdem habe es den Versuch einer Sabotage gegeben. Offenbar war die Antriebswelle des schwedisch-norwegisch-griechischen Schiffes „Juliano“ durchtrennt worden. Das Schiff ist nach dem Anfang April in Jenin ermordeten Theaterregisseur Juliano Mer-Khamis benannt. Ursprünglich hätten die Schiffe schon vergangenes Wochenende in See stechen sollen. Zement, PVC und medizinische Ausrüstungen gehören zur Fracht.

In Konsequenz der Ereignisse des Vorjahres hat Israel das über den Gaza-Streifen verhängte Embargo bis auf eine Liste möglicherweise gefährlicher Stoffe – und Baumaterials – aufgehoben. Der Personenverkehr ist seit ein paar Wochen unregelmäßig wieder über die ägyptische Grenze möglich. Was aber für Gazas Wirtschaft schwierig bleibt, ist das fortgesetzte Exportverbot für Güter, die im Gazastreifen produziert werden.

In Israel mahlen die diplomatischen Mühlen auf Hochtouren. Eine Wiederholung des Desasters vom Vorjahr wäre für den international zunehmend isolierten Staat katastrophal.

Der Tod der Aktivisten vor einem Jahr wurde von mehreren Untersuchungskommissionen in Israel sowie von der UNO untersucht. Obschon die israelischen Kommissionen zu dem Schluss kamen, dass die Operation rechtens gewesen sei, bemängelten beide die unverhältnismäßige Gewalt und Fehler des Geheimdienstes.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2011)

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