Terror: Verdächtiger plante "Bürgerkrieg" in Europa

Anders B. Breivik veröffentlichte am Tag der Anschläge ein 1500 Seiten langes Manifest. Darin kündigt er Terroraktionen zur "Rettung Europas vor dem Islam an" an und schreibt auch über Österreich.

Reuters

Es ist ein Dokument des Wahnsinns: Kurz vor den Doppel-Anschlägen in Norwegen veröffentlichte der Verdächtige Anders Behring Breivik ein 1500 Seiten starkes "Manifest". Es trägt den Titel "2083 - eine Europäische Erklärung der Unabhängigkeit" und gibt tiefe Einblicke in die Gedanken des 32-Jährigen. Das Dokument liegt DiePresse.com vor.

Jahrelang habe er daran gearbeitet und schon 300.000 Euro investiert, schreibt Breivik in der Einleitung, er bedankt sich bei Freunden aus mehreren Ländern, darunter Österreich. Auf den folgenden 1500 Seiten kündigt er Terroraktionen zur "Rettung Europas vor der Islamisierung" an; er stellt allen Muslimen ein Ultimatum, bis 2020 zum Christentum zu konvertieren, ihre Namen zu ändern und ihre Muttersprache aufzugeben; er listet Waffen und Terrorziele auf und er benennt seine Widersacher, "Systemmedien" und die "mulitkulturellen, marxistischen oder kapitalistischen Parteien" in Europa. Für Österreich gibt er ÖVP, SPÖ und Grüne an.

Er schreibt auch über die Türkenbelagerung und kommt dann auf das Nikolaus-Verbot in Wiens Kindergärten. "Heute sind sie schon mitten in Wien." Die EU-Sanktionen gegen Schwarz-Blau nennt er "psychologische Kriegsführung" mit dem Ziel "alles zu neutralisieren, was sich gegen Multikulti stellt". Für den 32-jährigen Norweger sind sie auch ein Beispiel dafür, "dass ein demokratischer Sieg in Europa unmöglich ist".

Norwegen: Ein Land trauert

Breivik arbeitet in seinem Manifest auch Orden und Ehrentitel aus, für alle, die sich seiner Bewegung, den "Justiciar Knights", anschließen. Funktionen und Titel hängen dabei
auch mit der Zahl der Getöteten zusammen. Das Logo der "Justiciar Knights": Ein von einem Kreuz aufgespießter Totenkopf mit Halbmond, Hakenkreuz sowie Hammer und Sichel auf der Stirn - "also den drei Hassideologien, die wir bekämpfen", schreibt Breivik.

Die Zahl 2083 im Titel seines Werks benennt das Jahr, in dem Anders Behring Breivik die Auslöschung der Kultur-Marxisten und die Vertreibung aller Muslime durch einen Bürgerkrieg in Europa erwartet.

Das Video zum Manifest


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Bis dahin schlägt der 32-Jährige in seinem Manifest vor, leichte, unbeschützte Ziele in Angriff zu nehmen. "Das ist vernünftiger, als gute Männer beim Angriff auf unerreichbare Ziele zu verlieren." Breivik hat auch ein Tagebuch angehängt. Am Freitag, 22. Juli, also am Tag der Anschläge, schreibt er: "Ich habe Material für 20 Explosionen. (..) Ich glaube, das ist mein letzter Eintrag."

Anschläge gestanden

B. hat mittlerweile in Verhören die Doppel-Anschläge mit mindestens 93 Toten gestanden

und als "grausam, aber notwendig" bezeichnet. Die Anschläge habe er allein ausgeführt. Mehr will sein Verteidiger nicht sagen: "Es ist ausgesprochen schwer für mich, eine vernünftige Zusammenfassung von dem zu geben, was er in dem Verhör gesagt hat." Breivik will aber am Montag vor Gericht ausführlich Stellung nehmen.

Videoaufnahme kurz nach der Explosion

Breivik hat nach Polizeiangaben am Freitag im Osloer Zentrum erst eine Autobombe explodieren lassen. Danach fuhr er zum 40 Kilometer entfernten Tyrifjord, setzte als Polizist verkleidet auf die kleine Insel Utöya über und erschoss mit zwei legal erworbenen Waffen Dutzende Kinder in einem Ferienlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF.

Am Sonntag starb ein Verletzter des Massakers im Spital, die Zahl der Todesopfer durch die Angriffe vom Freitag stieg damit auf 93. Und sie dürfte noch weiter steigen. Vier bis fünf Teilnehmer des Ferienlagers werden noch vermisst.

Polizei fand kein geeignetes Boot

Kritiker werfen der Polizei vor, bei dem Einsatz auf die Insel Utöya versagt zu haben: Erst nach mehr als einer Stunde wurde Breivik gestoppt. Der Grund für die Verzögerung: Die Polizei habe kein geeignetes Boot gefunden, erklärte der Einsatzleiter Erik Berga am Sonntag. Ein im benachbarten Hönefoss angefordertes Polizeischiff habe sich für den Transport der Beamten als ungeeignet erwiesen. "Mit so vielen Menschen und Ausrüstung an Bord lief das Boot voll Wasser, und der Motor setzte aus", so Berga.

(c) AP (Frank Augstein)

"Ich bitte um Verständnis, dass es seine Zeit braucht, um eine Spezialeinheit in Marsch zu setzen", sagte die Polizeichefin von Hönefoss, Sissel Hammer. "Das Personal muss alarmiert werden, es muss Schutzkleidung anlegen, sich bewaffnen und sich dann zum Tatort aufmachen." Die Delta" genannte Anti-Terror-Einheit nutzte Boote von Freizeitkapitänen, um nach Utöya übersetzen zu können, sagte Berga. Dort ergab sich Breivik den Elitepolizisten.

"Im Auto ging es schneller"

Die Spezialeinheit legte die 45 Kilometer lange Strecke von Oslo nach Utöya im Auto zurück, was Oslos amtierender Polizeichef Sveinung Sponheim am Samstag so begründete: "Im Auto ging es schneller, ein Hubschrauberflug hätte zu lange gedauert." Der einzige zur Verfügung stehende Helikopter parkte auf dem rund 50 Kilometer südlich von Oslo gelegenen Flughafen Rygge. Utöya liegt nordwestlich der Hauptstadt.

In der norwegischen Polizei wird seit längerem kritisiert, dass es der "Delta"-Einheit an Transportmöglichkeiten mangelt.

(jst)

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