Täter argumentiert "wie Kriegsverbrecher"

Interview mit einer Gerichtspsychiaterin: Mediale Berichterstattung als Inszenierung und letzter Triumph des Täters.

Gerichtspsychiaterin Rossmanith Taeter argumentiert
Gerichtspsychiaterin Rossmanith Taeter argumentiert
(c) Reuters (HO)

Der Täter hat sein öffentliches Bild fast so detailliert wie das Attentat vorbereitet. Er hat sich in einem Manifest selbst interviewt, ein YouTube-Video verschickt, ein Facebook-Profil angelegt. Was verrät dieser Aufwand?

Sigrun Roßmanith: Eine szenische Entgleisung, die minutiös geplant worden ist, verhilft dem Täter immer zu unglaublicher Macht, weil er sich schon vorher freudig daran delektiert, was für ein Desaster angerichtet werden wird und wie die Welt auf ihn schaut. Er inszeniert sich sozusagen als bösen Helden.

Zeigen uns seine Informationen den wahren Täter oder nur das Bild, das er vermitteln will?

Er schimmert durch, aber wir übernehmen gewissermaßen auch sein Idealbild von sich selbst.

 

Das heißt, wir bereiten ihm eine Art letzten Triumph – als Ausführende in einem Stück, in dem er Regie führt?

Natürlich. Er hat sich ja auch widerstandslos festnehmen lassen, im Wissen, dass alles, was er vorbereitet hat, jetzt um die Welt gehen wird.

 

Ferndiagnosen sind immer schwierig, aber wie würden Sie ihn einordnen? Ist er geistig krank?

Nicht im engeren Sinne. Es ist ein laienhaftes Denken, dass je gravierender die Taten sind, desto schwerer gestört der Täter ist. Er hat aber sicher eine Persönlichkeitsstörung, die narzisstische Elemente umfasst, und auch das Bedürfnis nach Extremen – „alles oder nichts“. Und wenn jemand die Welt so zwingen muss, zuzuschauen, dann steht dahinter ein Selbstwert, der Minderwertigkeit gut kennt, die dann in ein größeres Selbst überkompensiert wird, das wie Gott auswählt, wer stirbt. Das ist ein Thema, das wir oft bei Amokläufern haben.

 

Ist das denn ein Amoklauf?

Eigentlich nicht. Es geht hier nämlich nicht nur um aufgestaute Wut, die Tat hat ein klares Etikett, eine Ideologie.

 

Der Täter wirkt sehr kaltblütig. Das Massaker dauerte über eine Stunde, im Verhör sagte er, es sei „grausam, aber notwendig“ gewesen.

Der Zweck heiligt die Mittel. Das kennt man von Kriegsverbrechern. Hier steht eine höhere Ideologie, die mit allen Mitteln durchgebracht werden muss. Da soll ein Mahnmal gesetzt werden. Er hat das Land an der verwundbarsten Stelle, an seiner Achillesferse, getroffen, bei den Wehrlosen. Dabei ist er sehr strategisch, sehr komplex planend vorgegangen. Er ist intellektuell sicher hochstehend.

 

Was bei dem Massaker auffällt, ist, dass solche Täter meistens Männer sind.

Die Gewalttätigkeit von Frauen ist zwar vergleichsweise eine geringe, aber wenn sie Gewalt anwenden, ist das keine mindere. Wir kennen bereits Terroristinnen. Es gab auch versuchte Amokläufe von Frauen.

 

Im Nachhinein fragt man sich oft,
ob die „Gesellschaft“ irgendwie mit schuld ist. Kann man solche Taten
verhindern?

Wie denn? Leute, die unbescholten sind und dann plötzlich entgleisen können – davon gibt es viele.

 

Es ist noch nicht ganz fix, dass er ein Einzeltäter war. Wie schätzen Sie das denn ein?

Jemand, der sich so in Szene setzt, nimmt sich höchstens kleine Helfer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2011)

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