Wettlauf um Libyens Öl

Im Windschatten der Offensive in Tripolis planen internationale Unternehmen für den Tag danach. Österreichische Firmen haben schon Kontakte zu den Rebellen geknüpft.

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Wien/Paris/London/Rom. Nicht nur militärisch ist der Kampf um Libyen in die entscheidende Phase getreten: Während Rebellen in Tripolis in die Festung des Gaddafi-Clans vordrangen und auch Sirte, die Heimatstadt des Diktators, ins Visier nahmen, rücken anderswo die wirtschaftlichen Aspekte des bevorstehenden Machtwechsels in den Vordergrund. China sah sich am Dienstag dazu veranlasst, den Schutz seiner Investitionen in dem umkämpften Land zu fordern. Man hoffe, dass Libyen nach einer Rückkehr zur Stabilität die Rechte der chinesischen Investoren respektieren werde, hieß es.

Die Claims werden abgesteckt

Im Windschatten der Rebellenoffensive bringen sich internationale Unternehmen bereits in Stellung, um nach dem Ende der Kampfhandlungen ihre Claims abzustecken. Zwar hat der Übergangsrat der Rebellen Rechtssicherheit zugesagt – an bestehenden Verträgen soll also nicht gerüttelt werden. Allerdings hat ein Rebellenführer bereits angedroht, chinesische Firmen für die Untätigkeit ihrer Regierung zu bestrafen. Gemeinsam mit Russland und Deutschland hatte China im UNO-Sicherheitsrat nicht zugestimmt, als es um die Autorisierung der Luftangriffe gegen Gaddafi-Truppen ging. Und Chinas Machthaber fürchten offenbar, dass diese Politik zum Stolperstein für jene chinesischen Unternehmen werden könnte, die in Libyen Aufträge an Land gezogen haben.

Ob die Rebellen Verträge annullieren, ist nicht klar. „Aber auch wenn es nicht dazu kommt, könnten Chinesen und Russen bei der Vergabe neuer Aufträge Probleme bekommen“, sagt David Bachmann, der österreichische Wirtschaftsdelegierte in Libyen, der die Lage momentan aus der Wiener WKÖ-Zentrale verfolgt.

Was deutsche Firmen anbelangt, ist Bachmann zuversichtlich, dass Deutschlands Stimmverhalten bei der UNO keine negativen Folgen haben werde: „Kanzlerin Angela Merkel hat das ziemlich gut ausgebügelt.“ Folglich herrscht auch in der Zentrale des deutschen Ölkonzerns Wintershall Gelassenheit. „Wir sind seit 1958 im Land und beschäftigen über 300 lokale Mitarbeiter“, sagt Unternehmenssprecher Stefan Leunig. Darauf komme es letztlich an.

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Vertragsvolumen: Zwei Mrd. Euro

Für Österreich geht es vordergründig um ein Vertragsvolumen von rund zwei Mrd. Euro – Projekte, die bereits angelaufen sind bzw. schon unterzeichnet wurden. Die großen österreichischen Player in Libyen sind der Ölkonzern OMV, der Zementproduzent Asamer, der Krankenhausversorger Vamed und das Bauunternehmen Strabag.

Die genannten Firmen halten seit Monaten ihre Fühler im von den Rebellen kontrollierten Osten des Landes ausgestreckt und haben Hilfsgüter an Gaddafis Widersacher geliefert. Nun warten sie ab, bis sich der Pulverdampf verzogen hat. Derzeit sei es „verfrüht“, über eine Rückkehr nachzudenken, sagt OMV-Sprecher Sven Pusswald.

Während die von den Rebellen kontrollierte Arabian Gulf Oil Company hofft, dass erste Ölfelder binnen weniger Wochen wieder in Betrieb gehen werden, rechnet OMV damit, dass „Monate vergehen werden, bis die Produktion wieder anläuft“. Derzeit wisse man nicht einmal, wie stark Exportleitungen und Verladehäfen beschädigt wurden. Vor dem Bürgerkrieg förderten die Österreicher in Libyen 33.000 Fass Rohöl am Tag, ein Zehntel der gesamten Produktion.

Auch Strabag und Asamer warten geduldig darauf, am Wiederaufbau des Landes mitarbeiten zu dürfen. Mit wem die heimischen Firmen ihre Geschäfte letztlich machen werden, ist offen. Die OMV knüpft in jedem Fall schon einmal Kontakte zu den Rebellenführern. Als Anfang Juni die libysche Übergangsregierung Außenminister Michael Spindelegger in Wien besuchte, war auch die OMV-Spitze dabei. In den Startlöchern scharren neben der OMV auch andere europäische Ölkonzerne – schließlich gingen vor Kriegsbeginn fast 90 Prozent der libyschen Ölexporte nach Europa. Größter Abnehmer war die italienische Eni. Italiens Außenminister Franco Frattini möchte nun den Freundschaftsvertrag reaktivieren, der 2008 mit Gaddafi abgeschlossen worden war. Für den heutigen Mittwoch ist ein Treffen zwischen Premier Silvio Berlusconi und Mahmoud Jibril vom Übergangsrat anberaumt.

In der Eni-Zentrale will man die politische Charmeoffensive nicht kommentieren. Eine rasche Wiedereröffnung der Förderanlagen sei nicht geplant. Ähnlich zugeknöpft gibt sich Sheila Williams, die Sprecherin des britischen Ölriesen BP. Man wolle die Lage nicht kommentieren und stehe auch nicht in Kontakt mit den Rebellen. Und überhaupt: „Solange Sanktionen der britischen Regierung gegen Libyen aufrecht sind, können wir sowieso nichts unternehmen.“ Und in Frankreich verfolgt der Konzern Total „aufmerksam die Situation“.

An der Pariser Börse gilt Total neben Konkurrent GdF-Suez als Hauptprofiteur eines Machtwechsels. Wohl zu Recht, wie David Bachmann meint: „Den Franzosen wird ihr Engagement bei den Luftangriffen sicher nicht schaden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2011)

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