Gefängnis Abu Salim: Ein Ort von Folter und Misshandlung

Das Gefängnis Abu Salim in Libyen ist verlassen, alle früheren Insassen sind geflüchtet. In den zwei Zellentrakten für jeweils 600 Gefangene ist Stille eingekehrt. Hier ließ Gaddafi Regime-Gegner einsperren.

(c) AP (Francois Mori)

Tripolis. Die cremefarbenen hohen Mauern und Wachtürme sind schon von Weitem zu sehen. Eine bedrohlich wirkende, kalte Anlage, die abseits der Wohnviertel liegt. Es ist das gefürchtete Gefängnis von Abu Salim, einem Stadtteil ganz am Rande von Tripolis im Süden. Hier ließ Muammar al-Gaddafi seit Beginn der 70er-Jahre Regime-Gegner einsperren. Das Gefängnistor steht heute weit offen, die Zellen sind leer. Am 24. August hatten Nachbarn die Gefangenen befreit. Die Wächter war aus Angst vor herannahenden Rebellen geflüchtet.

Die Aktentürme in den Büros sind zusammengestürzt und quellen in den Hof des Gefängnisses. Die am Boden herumliegenden grünen Pappumschläge tragen den Stempel der Staatsicherheit und dokumentieren das schreckliche Schicksal von Gefangen, die hier vom Gaddafi-Regime systematisch geprügelt und gefoltert wurden. Human Rights Watch nannte es „einen Ort ungeheuerlicher Menschenrechtsverletzungen“. Etwas, das von westlichen Staaten großteils ignoriert worden war.

In den zwei Zellentrakten für jeweils 600 Gefangene ist Stille eingekehrt. Zu sechst schliefen die Insassen in einem knapp 20 Quadratmeter großen Raum auf Matratzen am Boden verteilt. Es gibt eine abgetrennte Küche, Bad und Dusche. Unter der Spüle sind noch Essensvorräte gestapelt. Sie haben zu verderben begonnen und verbreiten einen unangenehmen, stechenden Geruch. Im Gegensatz zu anderen symbolträchtigen Gebäuden des Gaddafi-Regimes, gibt es im Gefängnis von Abu Salim weder einen Ansturm neugieriger Besucher noch Horden von Plünderern. Nur ein einziger junger Kerl versuchte, ein Metallregal in einem Büro zu zerlegen, um es leichter abtransportieren zu können. Den Safe des Gefängnisses hat jemand bereits vor Tagen geleert. Mit einer Flex hat man ihn an der Rückseite aufgeschnitten und vor dem Hauptgebäude der Verwaltung einfach liegen lassen.

 

„Was für ein Durcheinander...“

Über den mit Müll und Schmutz übersäten Gefängnisgang geht nachdenklich Abdelrahman Fadali. „Ich bin quer durch Tripolis gefahren, um mir mit eigenen Augen ein Bild von diesem schrecklichen Gefängnis zu machen“, sagt der 27-jährige Student der Zahnmedizin. Nachdenklich marschiert er von Zelle zu Zelle, an den schweren, grau bemalten Eisentüren vorbei, die zum Teil mit Gewalt herausgerissen worden waren. „Was ist das hier für ein Durcheinander“, findet der angehende Zahnarzt erstaunt. „Und wie viele Menschen nur so zusammenleben konnten...“ Sein Freund Mohammed wendet ein, das sei doch eigentlich nicht so schlimm. „Man hat sie wenigstens nicht alle massakriert, wie vor über zehn Jahren.“ Beide bekommen ernste Gesichter. „Damals hat man alle Insassen brutal niedergemacht“, klärt Mohammed auf. „Wissen Sie das nicht?“

 

Das Massaker von 1996

Die beiden jungen Männer meinen das Jahr 1996. Damals sollen im Juni bis zu 1200 Häftlinge im Gefängnis von Abu Salim getötet worden sein, wie Menschenrechtsorganisationen bestätigen. Das Massaker von Abu Salim wurde nicht vergessen und war der Anfang vom Ende für Gaddafi. Die meisten der 1200 Ermordeten stammten aus Bengasi. Im Februar dieses Jahres gingen Anwälte, die einige Familien der Getöteten vertraten, dort auf die Straße. Sie forderten eine Aufklärung der Ereignisse in Abu Salim.

Als bei dieser Demonstration zwei der Anwälte verhaftet wurden, löste dies eine Welle des Protests aus. Die Konfrontation zwischen der libyschen Bevölkerung und ihrem Diktator nahm damit ihren Anfang. Sechs Monate später, nach einem blutigen Bürgerkrieg, ist Gaddafi auf der Flucht. In Bengasi hängen die Fotos der Opfer des Massakers von 1996 am Platz der Befreiung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2011)

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