Tibeter: Selbstverbrennung als Waffe

Die Proteste der Tibeter gegen Peking werden zunehmend radikaler. Erstmals zündete sich eine buddhistische Nonne an und kam dabei ums Leben. Viele Tibeter sehen diese Entwicklung mit großer Besorgnis.

(c) AP (Manish Swarup)

Peking. Den eigenen Körper mit Benzin übergießen und in Flammen aufgehen – diese Form des Protestes war in Tibet bis vor Kurzem weitgehend unbekannt. Das hat sich auf dramatische Weise geändert: Wie gestern, Dienstag, bekannt wurde, zündete sich in der westchinesischen Region Aba eine 20-jährige tibetische Nonne, Tenzin Wangmo, an. Wenige Tage zuvor hatte sich in derselben Ortschaft der ehemalige Mönch Norbu Damdrul auf offener Straße in Brand gesetzt. Damit stieg die Zahl der Selbstverbrennungen von Tibetern in China in diesem Jahr bereits auf neun. Mindestens vier von ihnen sollen gestorben sein.

Mit der Nonne Tenzin Wagmo, die im Kloster Mamae Dechen Choekorling gelebt haben soll, wählte nun erstmals eine Frau den demonstrativen Freitod. In allen früheren Fällen waren es Mönche oder ehemalige Mönche. Einige von ihnen hätten zuvor, so berichten Tibet-Aktionsgruppen, im Ausland die Rückkehr des Dalai Lama gefordert. Begonnen hat die Welle der Selbstverbrennungen im März. Sie konzentriert sich auf die westchinesische Region Aba (Ngawa) in der Provinz Sichuan, die an Tibet grenzt. Hier liegt eines der einflussreichsten alten tibetischen Klöster, Kirti, das heute rund 2000 Mönche beherbergt.

Als Reaktion auf die Proteste hat die tibetische Exilgemeinschaft im indischen Ort Dharamsala, Sitz des Dalai Lama seit 1959, für den heutigen Mittwoch zu einem Fastentag aus Solidarität mit den Tibetern in China aufgerufen.

(c) DiePresse

Zwischen Mitgefühl und Trauer

Viele Tibeter sehen diese Entwicklung mit großer Besorgnis. Sie widerspricht dem Grundsatz der Gewaltlosigkeit, auch wenn es um den eigenen Körper geht. Kommentare, die derzeit im Internet kursieren, schwanken daher vielfach zwischen Trauer und Mitgefühl und der Bitte, sich „nicht wie eine Butterlampe zu opfern“. Wenn „wir unsere Sprache am Leben halten können und das Land unseres Vaters und das Haus unserer Mutter beschützen können“, schrieb ein Tibeter, „würde der Himmel wieder blau werden und die Sonne wieder hinter den Wolken hervorkommen.“

Das Kloster Kirti gehört zu jenen Zentren des tibetischen Buddhismus, die seit schweren Unruhen im Frühjahr 2008 in Tibet und angrenzenden Gebieten besonders scharf von der Polizei kontrolliert werden. Im Februar 2009 hat sich hier erstmals ein Mönch verbrannt, weil er sich nicht damit abfinden konnte, dass die Behörden ihm und den anderen tibetischen Gläubigen verboten haben, einen traditionellen Gebetsritus abzuhalten. Seither dreht sich die Spirale der Repression weiter. Auf Proteste reagieren die Behörden mit neuen Strafen und Verboten, was wiederum Widerstand hervorruft.

 

Kein Dialog mit Dalai Lama

Ein Beispiel: Nachdem sich im Sommer dieses Jahres erneut ein Mönch von Kirti angezündet hatte, erhielten zwei andere Mönche Gefängnisstrafen von zehn und 13 Jahren, weil sie ihm bei der Tat geholfen hätten. Da Chinas Behörden ausländischen Journalisten nicht erlauben, sich unabhängig vor Ort ein Bild zu machen und die chinesische Presse ebenfalls nicht frei berichten kann, dringen solche Informationen in der Regel nur über die Exilorganisationen nach außen. Danach soll die Polizei bei Demonstrationen in den vergangenen Wochen auch geschossen haben.

Wie Tibeter in Peking berichten, geben immer mehr Mönche das Klosterleben auf, weil sie den Druck nicht mehr aushalten und für sich keine Zukunft sehen. Gescheitert sind bislang die Versuche des Dalai Lama, mit der Pekinger Regierung ernsthaft ins Gespräch zu kommen, um ein besseres Zusammenleben von Tibetern und der Han-chinesischen Mehrheit möglich zu machen. Stattdessen überschütten Politiker und Medien einerseits den Dalai Lama regelmäßig mit Hohn und Spott – was in Tibet als große Kränkung betrachtet wird. Andererseits kündigt Peking immer wieder neue Investitionen in Tibet an, in der Hoffnung, die Spannungen durch einen verbesserten Lebensstandard lösen zu können.

Auf einen Blick

Kirti. Das Kloster liegt in der Gemeinde Aba im Norden der chinesischen Provinz Sichuan und beherbergt derzeit rund 2300 Mönche. Seit März kommt es im Kloster immer wieder zu Zwischenfällen: Damals steckte sich ein Mönch anlässlich des 3. Jahrestages eines Aufstandes von 2008 in Brand. Bisher haben sich neun Tibeter, davon acht aus Aba selbst verbrannt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2011)

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