Ägyptens Salafisten: Siegeszug mit billigen Lebensmitteln

Wie die Extremisten in der ersten Runde der Parlamentswahl ein Viertel der Stimmen absahnten. Auch die überall in Ägypten wuchernde Korruption ist es, die viele an die Salafisten glauben lässt.

(c) AP (Ahmed Ali)

Kairo. Dass die Moslembrüder in der ersten von drei Phasen der ägyptischen Parlamentswahlen die stärkste Kraft werden würden, ist wenig überraschend. Für viele unerwartet kam hingegen das mit etwa 25 Prozent sehr starke Abschneiden der Salafisten, die damit wohl die zweitstärkste Fraktion im Parlament stellen werden. Ihr Ergebnis könnte sich jedoch noch etwas verschlechtern, da die erste Teilwahl einige ihrer Hochburgen einschloss, zum Beispiel Alexandria.

Die vor allem durch die Nour-Partei („Partei des Lichts“) repräsentierten Salafisten folgen weniger aus dem Koran abgeleiteten Grundprinzipien (etwa Gerechtigkeit), sondern interpretieren die heiligen Texte wörtlich, weshalb sie in ihrer Interpretation des islamischen Rechts, der Scharia, extreme Positionen einnehmen.

Ihr Siegeszug spiegelt nicht nur ein sehr konservatives Islamverständnis vieler Ägypter wider. Obwohl sie organisatorisch nicht so stark in den ärmeren Vierteln verwurzelt sind wie die Moslembrüder, bieten auch die Salafisten den dort lebenden Menschen, wenngleich in geringerem Umfang, soziale Dienstleistungen oder Nahrungsmittel zu ermäßigten Preisen an, was Kritiker als schnöden Stimmenkauf anprangerten.

Dies ist insofern von großer Bedeutung, als etwa 40 Prozent der Ägypter unter der Armutsgrenze leben. Würden die Salafisten in diesen Vierteln über eine ebenso straff strukturierte Organisation wie die Moslembrüder verfügen, hätten sie vermutlich noch weit mehr Stimmen erhalten. Ähnlich wie bei den Moslembrüdern wurden auch bei den Salafisten zudem immer wieder Fälle bekannt, in denen Moscheen für den Wahlkampf genutzt wurden.

 

Salafisten politisch nicht „kontaminiert“

Auch die überall in Ägypten wuchernde Korruption ist es, die viele an die Salafisten glauben lässt. Ihre einfachen und klaren Aussagen setzen sich deutlich vom zum Großteil immer noch intakten System Mubaraks ab. Mohamed al-Nour, der Pressesprecher der Nour-Partei, sieht den Kampf gegen die Korruption denn auch als eines der drängendsten Probleme Ägyptens: „Bevor wir über die Scharia nachdenken, müssen wir die Korruption im Land bekämpfen.“ Damit spricht er vielen Menschen aus der Seele, und da die Salafisten nicht nur sehr fromm wirken, sondern auch politisch bisher nicht „kontaminiert“ sind, genießen sie in der Bevölkerung hohe Glaubwürdigkeit.

Sie legen eine unter Politikern ungewöhnliche Ehrlichkeit an den Tag, wenn es darum geht, kontroverse Positionen zu vertreten: Auf die Frage, ob es langfristig das Ziel sei, drakonische körperliche Strafen, wie zum Beispiel Steinigung bei Ehebruch oder das Abhacken der Hand bei Diebstahl, einzuführen, antwortet al-Nour ganz offen: „Das muss vorher mit allen Beteiligen ausführlich diskutiert werden. Wir werden nichts einführen, was nicht wirklich von der Bevölkerung gewünscht wird. Aber sofern es Schritt für Schritt geschieht, bin ich grundsätzlich dafür.“

 

Moslembrüder bisher pragmatisch

Das US-Institut „Pew Research“ kann ihm Stoff zur Zuversicht liefern: In einer Umfrage sprachen sich vor einem Jahr 82 Prozent der Ägypter für Steinigung bei Ehebruch aus, das ist mehr als in jedem anderen islamisch dominierten Land. Sogar 84 Prozent wären für die Verhängung der Todesstrafe beim „Abfallen“ vom Islam.

Was kann man nun von den Islamisten erwarten? Sicher ist, dass die Moslembrüder im neuen Parlament der politische Hauptakteur werden. Doch sie haben nicht vor, Ägypten in einen Gottesstaat zu verwandeln – dagegen spricht der bisher starke Pragmatismus dieser Organisation. Die Mehrheit der Ägypter hat mit den Islamisten nämlich nicht für die Errichtung eines Gottesstaates gestimmt, sondern für Organisationen, die sie im täglichen Überlebenskampf unterstützen. Eine Koalition mit den Salafisten und einer Politik übereilter religiöser Zwänge könnte die Bevölkerung daher von den Moslembrüdern entfremden.

Außerdem würde es die liberalen Strömungen vor den Kopf stoßen und dadurch das Land durch wieder aufflammende Proteste destabilisieren – das liegt nicht im Interesse der Brüder, die ihre Machtposition eher auf dem politischen Weg weiter ausbauen möchten.

 

Islam wird größere Rolle spielen

Auch die ökonomischen Folgen eines allzu großen Einflusses der Salafisten für das stark vom Tourismus abhängige Ägypten sind zu schwer abschätzbar, als dass die Moslembrüder angesichts der derzeitigen desolaten Wirtschaftssituation Risken eingehen würden. Ihre Stellungnahmen bestätigen diese Sichtweise: Bisher sprechen sich die Brüder offen gegen eine Koalition mit den Salafisten aus. Ob sich das in Zukunft ändern wird, ist im Moment nicht vorhersehbar.

Eines steht jedoch fest: Das starke Abschneiden der Salafisten wird zu einer größeren politischen Rolle des Islams in Ägypten führen. Selbst wenn die Moslembrüder nicht mit den Salafisten koalieren, müssen sie schon allein, um nicht weitere Wähler an die Salafisten zu verlieren, der Religion mehr Spielraum in ihrer Politik einräumen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2011)

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