Was den Ruanda-Genozid auslöste

Der Jet des Hutu-Präsidenten Habyarimana wurde 1994 nicht von Tutsis abgeschossen, sondern durch eine Rakete aus dem eigenen Lager. Etwa 800.000 Menschen wurden damals abgeschlachtet.

(c) AP (ARMANDO FRANCA)

Paris. Die Ermittlungen des französischen Untersuchungsrichters Marc Trévidic zwingen die Pariser Staatsführung, ihre offizielle Geschichte des Genozids in Ruanda zu revidieren. Als am 6.April 1994 der mit Frankreich verbündete ruandische Staatspräsident, Juvénal Habyarimana, beim Abschuss seines Flugzeugs starb, standen die Schuldigen für Paris fest. Ein Berater des Präsidenten François Mitterrand und auch die Regierung von Edouard Balladur beschuldigten sofort die von Paul Kagame geführten Tutsi-Rebellen.

Unmittelbar nach dem Anschlag auf Habyarimana begann das Morden. 800.000 Menschen, mehrheitlich Angehörige der Tutsi-Ethnie, wurden abgeschlachtet. Umstritten ist bis heute die Rolle der französischen Staatsführung und Streitkräfte, welche bis zum Genozid, wenn nicht noch darüber hinaus, die Hutu-Mehrheit und Habyarimanas Regime unterstützt hatten. Was jetzt aus Trévidics minutiösen Untersuchungsergebnissen hervorgeht, stellt diese französische Ruanda-Politik bloß.

Im Unterschied zu seinem Vorgänger Jean-Louis Bruguière, der 2006 wegen des Attentats einen Haftbefehl gegen Kagame und acht weitere Ex-Rebellen erlassen hatte, ermittelte Trévidic mit mehreren Flug- und Ballistikexperten vor Ort. Ihre Folgerung ist eindeutig: Die Rakete, die in der Nacht des 6.April Habyarimanas Falcon-Jet traf, ist nicht, wie bisher behauptet wurde, aus einer Stellung der Tutsi-Rebellen abgefeuert worden, sondern aus dem Militärcamp Kanombé, also von Habyarimanas Regierungstruppen.

 

Versehen oder Verrat?

Offen bleibt die Frage, ob es sich um ein Versehen oder Verrat gehandelt hat. Für ein Komplott spricht die Tatsache, dass der Präsident bei den Extremisten in seinem eigenen Lager als zu kompromissbereit angefeindet wurde. Augenzeugen berichten, vor dem Abflug aus Daressalam (Tansania) sei Habyarimana besonders nervös gewesen. In einer Zeitung hatten Fanatiker wenige Tage zuvor die Tutsis beschuldigt, sie planten einen Mordanschlag gegen Habyarimana. Dieselben Hutu-Extremisten warteten nur auf das Signal des Attentats, um nach Habyarimanas Tod einen seit Langem vorbereiteten Genozid zu starten.

Da Paris aber den heutigen ruandesischen Präsidenten, Paul Kagame, verdächtigt hatte, den Anschlag organisiert zu haben, waren die bilateralen Beziehungen gespannt. Erst seit zwei Jahren bemüht sich Nicolas Sarkozy um eine Annäherung. Trévidics Ermittlungsbericht liefert die Grundlage für eine Normalisierung. Noch aber wollen die lange zu Unrecht des Terrorismus Beschuldigten wissen, wie es kommen konnte, dass die französische Führung sich so lange auf ihre vorgefasste Version versteifen konnte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2012)

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