Mordfall Hrant Dink: Zehntausende protestierten gegen Urteil

Ignorierte Warnungen, ein gefeierter Täter und ein fehlerhafter Richterspruch. Den Mord am armenisch-türkischen Journalisten in der Türkei vor fünf Jahren, umrankt eine Serie von Merkwürdigkeiten.

(c) AP

Istanbul. Als vor fünf Jahren der armenisch-türkische Journalist Hrant Dink vor der Redaktion der von ihm gegründeten Zeitung „Agos“ erschossen wurde, erklärte Ankaras Premier Recep Tayyip Erdoğan die Aufklärung zu einer „Ehrenschuld“. Das diese Woche verkündete zweite Urteil treibt nun viele auf die Barrikaden: Am Donnerstag demonstrierten in Istanbul etwa 30.000 Menschen mit der Parole: „Wir sind alle Hrant, wir sind alle Armenier!“

Das Gericht hatte eine lebenslange Freiheitsstrafe verhängt und 17 Angeklagte freigesprochen. Der zum Zeitpunkt der Tat 17-jährige Todesschütze war bereits zuvor zu 22Jahren Haft verurteilt worden.

Das Urteil hat nicht nur den allgemeinen Erwartungen widersprochen, es wimmelt auch vor Fehlern: Einen Angeklagten haben die Richter beim Urteil schlicht vergessen. Übersehen hatten sie auch, dass sie sich mit ihrem Spruch selbst die Zuständigkeit entzogen: Das Sondergericht war nur für organisierte Kriminalität zuständig, sah hinter dem Mord aber keine Organisation. Nur Tage vor dem Urteil hat die türkische Telekom Telefonkontakte des Todesschützen herausgegeben, die gezeigt haben, dass der Mörder fünf Telefonate führte, während er auf sein Opfer wartete. Mit wem er sprach, interessierte das Gericht offenbar nicht mehr.

 

„Verbrenn deine Robe!“

Das Urteil ist der letzte Punkt in einer langen Reihe seltsamer Vorgänge. So hatte die Polizei den Schützen nach seiner Festnahme nicht etwa verhört oder in eine Zelle gesperrt, sondern zu einem privaten Fototermin in die Kantine geladen. Es stellte sich zudem heraus, dass die Polizei von den Mordvorbereitungen bereits elf Monate im Voraus durch einen Informanten unterrichtet war. Statt Dink zu schützen, brach sie den Kontakt zu dem Informanten ab.

Dinks Bruder Orhan fühlt sich um die Aufklärung des Mordes gebracht: „Im Grunde haben sie uns alle betrogen.“ Eine Frau rief dem Richter nach dem Urteil zu: „Zieh deine Robe aus und verbrenn sie!“

Erdoğan, sonst nicht scheu, wenn es darum geht, die Justiz zu schelten, versuchte zu beruhigen: Das Verfahren, gegen das der Staatsanwalt Berufung eingelegt hat, würde ja weitergehen. Präsident Abdullah Gül meinte, die Justiz müsse zeigen, dass die Türkei ein Land sei, in dem alle gleich behandelt würden, auch „ausländische Firmen und Menschen fremder Nationalität“. Ganz so, als wäre Hrant Dink nicht sein Leben lang türkischer Staatsbürger gewesen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2012)

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