„Täglich klauben wir Leichenteile auf“

Der letzte Videoreporter hat Homs verlassen. In Straßburg schilderte Danny Abdul Dayem, die „Stimme von Homs“, das tägliche Grauen. Anfang dieser Woche floh Dayem aus Homs.

(c) REUTERS (HANDOUT)

Strassburg. Seit der BBC-Reporter Paul Wood am 8. Februar Homs verlassen hatte, gab es nur mehr einen Reporter, der bewegte Bilder aus der umkämpften Stadt in die Welt schickte. Der 23-jährige Danny Abdul Dayem verdiente sich mit seinen Reportagen rasch den Spitznamen „Die Stimme aus Homs“, CNN, BBC und Al-Jazeera strahlten seine Handyvideos weltweit aus.

Anfang dieser Woche floh Dayem aus Homs. Über den Libanon kam er nach Straßburg, wo er am Dienstagabend an einer öffentlichen Anhörung der Liberalen im Europäischen Parlament teilnahm. Was er dort über die Zustände in Homs berichtete, veranschaulichte die Notwendigkeit eines raschen internationalen Einschreitens zur Beendigung des Bürgerkriegs. „Jeden Tag klauben wir Leichenteile auf“, sagte er in britischem Englisch. „Am Tag, nachdem Russland und China die UNO-Resolution verhinderten, setzten Assads Truppen erstmals Raketenwerfer ein.“

Dayems Berichte können von unabhängiger Seite nicht geprüft werden, denn es gibt kaum unabhängige Berichte internationaler Journalisten aus Homs. Doch auch wenn der junge Reporter als Aktivist auf Seiten der Opposition nicht objektiv sein kann, decken sich seine Angaben mit Berichten unabhängiger Beobachter wie zum Beispiel Ärzte ohne Grenzen. Diese Organisation hatte Zeugenaussagen veröffentlicht, wonach die Assad-Truppen Ärzte und Krankenwagen ins Visier nehmen und Spitäler gezielt nach Menschen mit Schussverletzungen durchsuchen. „Assads Truppen schießen auch auf Ambulanzen des Roten Halbmonds“, sagte Dayem. „Auf allen höheren Häusern sitzen Scharfschützen. Wenn sie gut gelaunt sind, erschießen sie niemanden. Sind sie schlecht gelaunt, töten sie gezielt Kinder, Frauen, Alte.“

 

Fünf iranische Soldaten gefangen

Dayem bestätigte zudem im Gespräch mit der „Presse“, dass iranische Elitetruppen und Kämpfer der radikalen Schiitenmiliz Hisbollah in Homs auf Seiten von Assads Männern gegen die Zivilbevölkerung vorgehen. „Wir halten in Homs seit rund eineinhalb Monaten fünf iranische Soldaten gefangen“, sagte Dayem. Iranische Offiziere würden syrische Truppen befehligen.

Dayem erklärte, dass die Einrichtung einer Flugverbotszone das Ende der Kämpfe beschleunigen würde: „Solange es sie nicht gibt, trauen sich die Panzertruppen nicht zu desertieren, weil sie Artillerie und Luftwaffe fürchten.“ Wann er nach Syrien zurückkehren kann, ist ungewiss: „Ich fühle mich schlecht, hier mit Ihnen zu reden statt in Homs zu sein.“

Eines ist für Danny Abdul Dayem aber klar: „Für Assad ist es aus. Wir werden diese Revolution nicht abbrechen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2012)

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