Uganda: Cyber-Feldzug gegen Rebellenchef

Die Kampagne „Kony 2012“ will den Anführer der brutalen Lord's Resistance Army noch heuer vor Gericht bringen. Ein hehres Ziel – doch an den Mitteln regt sich Kritik.

(c) AP (John Mone)

Wien. Die Ahnengalerie, die der Film evoziert, ist klein, aber ausgesucht: Adolf Hitler, Osama bin Laden. Dann kommt als dritter jener Mann ins Bild, um den es eigentlich geht: Joseph Kony, ugandischer Rebellenführer, mit seiner „Lord's Resistance Army (LRA) verantwortlich für den Tod tausender Menschen und die Rekrutierung zehntausender Kindersoldaten. Seit 2005 steht er auf der „Most wanted“-Liste des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag.

Dass er dort noch heuer landet, hat sich die NGO „Invisible Children“ zum Ziel gesetzt. Seit Tagen kursiert unter dem Titel „Kony 2012“ ein halbstündiges Video im Internet, das die Welt aufrütteln soll. Die These: Je mehr Menschen davon wissen, desto stärker ist der Druck auf (westliche) Regierungen, dafür zu sorgen, dass Kony vor den Kadi kommt.

Das Vorbild der Kampagne wird im Vorspann zitiert: der Arabische Frühling. Wo in Tunis und Kairo Menschen mittels sozialer Medien und Plattformen wie Facebook, Twitter und YouTube mobilisiert wurden, um gegen Tyrannen auf die Straße zu gehen, da sollen dieselben Cyber-Werkzeuge nun helfen, Kony dingfest zu machen.

Das behauptet zumindest Jason Russel, Autor des Films und Gründer von Invisible Children. Kritiker werfen der Organisation vor, mit ihrem PR-Coup schlicht die Spendenkasse füllen zu wollen. Und es ist ein PR-Coup: Das Video verbreitet sich rasant, zwischen Dienstag und Freitag haben es bereits rund 50 Millionen Menschen zumindest in Teilen gesehen.

 

Falsche Fakten

Russel versucht den Zuseher emotional zu packen: Er erzählt die Geschichte von Jacob, der als Halbwüchsiger in die Fänge der LRA geriet und mitansehen muss, wie seinem Bruder die Kehle durchgeschnitten wird – gegengeschnitten mit der Geschichte von Russels eigenem Sohn, der wohlbehütet in den USA aufwächst.

Dass Kony zur Rechenschaft gezogen werden soll, darüber dürfte Konsens bestehen. Doch die Mittel, die Russel einsetzt, sind in die Kritik geraten: Der Hitler-Vergleich ist zumindest fragwürdig, und es gibt auch Probleme mit den Fakten: Die Zahl von 30.000 Kindersoldaten, die Kony laut Film unter Waffen habe, ist schlicht falsch, wie Michael Wilkerson auf der Internetseite von „Foreign Policy“ darlegt. Heute seien es einige hundert Kämpfer. Jan Pospisil, Uganda-Experte am Österreichischen Institut für Internationale Politik (OIIP), geht noch weiter: „Es ist die Frage, ob die LRA als LRA überhaupt noch existiert, oder ob es mittlerweile nur mehr ein paar versprengte Gruppen sind.“

Russel preist die Entscheidung der US-Regierung, 100 Ausbildner nach Uganda zu schicken, um die Armee für die Jagd auf Kony fit zu machen (was er prompt seinem Lobbying zuschreibt). Der Schönheitsfehler: Kony ist seit etwa sechs Jahren nicht mehr in Uganda. Die Armee hat die LRA aus dem Land gejagt und dabei selbst für viel Leid unter der Zivilbevölkerung gesorgt, wie Menschenrechtsorganisationen beklagen. Seither trieb die LRA im Südsudan, im Kongo und in der Zentralafrikanischen Republik ihr Unwesen.

Ein Einmarsch von Ugandas Armee in die Nachbarländer könnte ein größeres Problem bereiten, als es die LRA derzeit darstellt, meint Pospisil. Der Wiener Experte fragt sich zudem, ob sich die Internet-Kampagne das richtige Ziel ausgesucht hat: „Kony hat ohnehin keine Verbündeten, wen will man da überzeugen? Eine solche Kampagne sollte sich eher mit Kenia befassen.“ Dort sind es Politiker und hohe Funktionäre des Staates, die wegen der Unruhen 2007/2008 vergangenes Jahr vom Strafgerichtshof angeklagt wurden.

Hintergrund

Die Lord's Resistance Army ist eine ugandische Rebellengruppe. Gegründet in den späten 1980er-Jahren, verübte sie zunächst in Norduganda Gräueltaten. Nach mehreren Offensiven der Armee wich die LRA in den Südsudan, den Kongo und die Zentralafrikanische Republik aus. Derzeit dürfte die Gruppe nur mehr aus einigen hundert Kämpfern bestehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2012)

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