„Wir sind für sie Ungläubige, die ihr Land verschmutzen“

Irakischer Abt klagt über Verfolgung. Seit dem Einmarsch der US-Truppen und dem Sturz von Diktator Saddam Hussein im Jahr 2003 sind mehr als die Hälfte der Christen aus dem Irak geflohen.

(c) EPA (ALI ABBAS)

Wien/W.s. „Wir sind für sie Ungläubige, die ihr Land verschmutzen. Sie wollen alle anderen Religionen auslöschen“, sagt Abt Gabriel K. Tooma. Sie, das sind extremistische Gruppen, die seit Jahren im Irak ihr Unwesen treiben. Sie nehmen alle ins Visier, für die in ihrem totalitären Weltbild eines politischen, wahhabitisch gefärbten Islam kein Platz ist – andere Muslime, aber vor allem Christen. Auf ihr Konto gehen Bombenattentate, Morde, Entführungen.

„Seit die Amerikaner aus dem Irak abgezogen sind, ist alles noch schlimmer geworden“, berichtet Pater Gabriel. Der Abt des Marienklosters im nordirakischen Al-Qosh war auf Einladung der Organisation „Christian Solidarity International“ (CSI) in Wien.

Die USA hätten das Land in einer instabilen Lage zurückgelassen, kritisiert Abt Gabriel. Nun sei der Kampf um Macht und Ressourcen zwischen den einzelnen Fraktionen im Irak noch härter geworden. Minderheiten wie die Christen geraten dabei zwischen die Fronten. Für die Christen kommt noch erschwerend hinzu, dass sie als „Spione“, als Verbündete des Westens, gesehen werden. „Wenn in Dänemark Karikaturen von Mohammed gezeichnet werden, werden dafür Christen im Irak umgebracht.“

Seit dem Einmarsch der US-Truppen und dem Sturz von Diktator Saddam Hussein im Jahr 2003 sind mehr als die Hälfte der Christen aus dem Irak geflohen. 80 Prozent der Christen in der Hauptstadt Bagdad und der Stadt Mossul haben ihre Häuser verlassen und sich in die Nachbarländer oder die nordirakischen Kurdengebiete in Sicherheit gebracht.

„Saddam Hussein war ein Mörder und Diktator. Aber zu seiner Zeit wurden keine Kirchen zerstört und keine Christen vertrieben“, meint Abt Gabriel. „Niemand wünscht sich, dass Saddam als Diktator zurückkehrt. Aber niemand wünscht sich auch die derzeitige Situation.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2012)

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