Russland: Feministischer Punk gegen Putin

Eine Aktion der Punkband Pussy Riot („Muschi-Aufstand“) und die Verhaftung dreier Mitglieder führten zu heftigen Debatten im Land über Kunst, Religion und Politik. Wer sind die Frauen und was wollen sie?

Symbolbild
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(c) REUTERS (DENIS SINYAKOV)

Heilige Mutter, gesegnete Jungfrau, vertreibe Putin!“ Vier Frauen in knappen, bunten Kleidern, maskiert mit gehäkelten Mützen, knien vor dem Altar der Erlöserkathedrale in Moskau, der größten, wichtigsten Kirche der Stadt. Schließlich bekreuzigen sie sich und tanzen zu ihrem „Punk-Gebet“, jenem Lied mit provokantem Text, das mittlerweile über 200.000-mal auf YouTube aufgerufen wurde. Die Performance von Ende Februar schlägt Wellen: Drei Mitglieder der Frauenband Pussy Riot („Muschi-Aufstand“) wurden im März verhaftet und sitzen nun in U-Haft, der Rest hält sich versteckt. Derweil führen Politiker, Kirchenvertreter und Oppositionelle im Netz und in Talkshows eine heftige Debatte über Kunst, Religion und Politik.

Erst am vergangenen Samstag protestierten Anhänger der Band in Moskau für eine Freilassung der drei inhaftierten Musikerinnen, dabei kam es zu einem Handgemenge mit orthodoxen Gläubigen, weil diese den Kleinbus der Demonstranten mit Weihwasser bespritzt hatten. Währenddessen forderten Gläubige bei einer Kundgebung in der Stadt Krasnodar harte Strafen für die Frauen. Demonstranten, die bei nicht genehmigten Protestaktionen festgenommen werden, müssen normalerweise mit einer Geldstrafe oder ein paar Tagen Gefängnis rechnen. Bei den drei verdächtigten Frauen ist es anders: Sie sollen bis zum Gerichtstermin Ende April in U-Haft bleiben, ihnen drohen für „Rowdytum“ bis zu sieben Jahre Gefängnis. Juristisch gesehen, so ihre Anwälte, fehlten in diesem Prozess die „Elemente des Tatbestandes“: Bei der Aktion in der Kathedrale wurde nichts gestohlen oder zerstört, es gab keine Toten oder Verletzten.

Pussy Riot ist eine lose Gruppe von etwa zehn Frauen, Durchschnittsalter 25 Jahre, die meisten haben Geisteswissenschaften studiert. Sie inszenierten bereits im Vorfeld der Wahlen mehrere Aktionen gegen Putin: Im Oktober 2011 tauchten sie das erste Mal auf, am Anfang fanden ihre Performances vor allem in Metro-Stationen und Straßenbahnen statt. Im Jänner dann kletterten acht Bandmitglieder auf eine Plattform des Roten Platzes und sangen ein Putin-kritisches Lied mit dem Refrain „Aufstand in Russland – das Charisma des Protests / Aufstand in Russland – Putin pisst sich in die Hose!“. Vor dem Gesicht trugen sie Masken, um den Hals E-Gitarren, sie spielten mit Feuer.

Putins Staat: „Böses Patriarchat“

Die Mitglieder von Pussy Riot nennen sich „Kater“, „Serafima“ oder „Blondi“. Inspiriert sind sie von der US-Punkrock-Band Bikini Kill und der Riot-Grrrl-Bewegung aus den 1990ern, auch sie kämpfen für den „feministischen Diskurs und ein nicht stereotypes Frauenbild“. Im autoritären Putin-Staat sehen Pussy Riot die Verkörperung des „bösen Patriarchats“. „Um etwas zu verändern, auch im Bereich Frauenrechte, reicht es nicht, Putin danach zu fragen“, sagte ein Bandmitglied kurz nach der Aktion am Roten Platz zum britischen „Guardian“: „Das ist ein faules, kaputtes System.“

Mit ihrer Aktion in der Kathedrale wollte Pussy Riot zeigen, dass der Staat die Kirche benutzt: Vor den Wahlen im März hatte die russisch-orthodoxe Kirche aktiv für Putin geworben, dieser steht in engem Kontakt zu Kirchenoberhaupt Kyrill. In der Debatte um eine adäquate Strafe für die mutmaßlichen Bandmitglieder ist die Kirche gespalten. Manche Gläubige und Priester setzen sich für eine Freilassung ein und rufen zu christlicher Barmherzigkeit auf. Ihnen wirft Kyrill vor, das „Verbrechen“ zu verharmlosen. Er bezeichnete die Aktion der Band als „Spott des Teufels“ und „Verhöhnung aller Gläubigen“. In einer Fernseh-Talkshow empfahlen orthodoxe Fundamentalisten, die „Besessenen“ von Pussy Riot öffentlich auszupeitschen und ihnen die Erziehungsrechte wegzunehmen.

Der Rat orthodoxer Gemeinden sieht gar Glauben und Vaterland in Gefahr. Unterstützt wird er von Führern des traditionellen Islam und Judentums. In einem Brief fordert das Patriarchat die Staatsanwaltschaft dazu auf, die verdächtigten Frauen und ihre „Komplizen“ von den Medien wegen Schürens religiöser Zwietracht zu verurteilen. Das hieße bis zu vier Jahre Lager.

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