"Was gesagt werden muss": Eklat um Grass-Gedicht

Der deutsche Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass wirft Israel in einem Gedicht vor, den Weltfrieden zu gefährden. Israels Botschaft reagiert heftig.

gesagt werden muss Eklat
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(c) EPA (STEPHAN JANSEN)

Der deutsche Literaturnobelpreisträger Günter Grass warnt vor einem Krieg gegen den Iran. In einem am Mittwoch in der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlichten Gedicht mit dem Titel "Was gesagt werden muss" fordert der 84-Jährige deshalb, Israel dürfe keine deutschen U-Boote mehr bekommen. Aus diesen U-Booten können angeblich auch Atomraketen abgefeuert werden.

In dem Gedicht heißt es unter anderem: "Warum sage ich jetzt erst,/gealtert und mit letzter Tinte:/Die Atommacht Israel gefährdet/den ohnehin brüchigen Weltfrieden?/Weil gesagt werden muß,/was schon morgen zu spät sein könnte;/auch weil wir - als Deutsche belastet genug -/Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,/das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld/durch keine der üblichen Ausreden"/zu tilgen wäre.(...)

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,/weil ich der Heuchelei des Westens/überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,/es mögen sich viele vom Schweigen befreien,/den Verursacher der erkennbaren Gefahr/zum Verzicht auf Gewalt auffordern und/ gleichfalls darauf bestehen,/daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle/des israelischen atomaren Potentials/und der iranischen Atomanlagen/durch eine internationale Instanz/von den Regierungen beider Länder zugelassen wird."

Botschafter: " Ritualmord-Anklage schon Tradition"

Die israelische Botschaft reagierte heftig auf Grass' Gedicht: Es "gehöre zur europäischen Tradition, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen", schreibt der israelische Botschafter in Berlin, Emmanuel Nahshon, auf der Website der Landesvertretung. "Früher waren es christliche Kinder, deren Blut die Juden angeblich zur Herstellung der Mazzen verwendeten, heute ist es das iranische Volk, das der jüdische Staat angeblich auslöschen will."

Israel sei der einzige Staat auf der Welt, dessen Existenzrecht öffentlich angezweifelt wird, kritisiert Nahshon."Wir wollen in Frieden mit unseren Nachbarn in der Region leben. Und wir sind nicht bereit, die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist."

"Nicht Israel, Iran bedroht den Frieden"

Auch der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages, Ruprecht Polenz (CDU) übte Kritik an dem Schriftstück: "Günter Grass ist ein großer Schriftsteller. Aber immer wenn er sich zur Politik äußert, hat er Schwierigkeiten und liegt meist daneben. Diesmal liegt er gründlich daneben", sagte er der "Mitteldeutschen Zeitung" (Donnerstag-Ausgabe). Die einseitige Schuldzuweisung an Israel sei falsch. "Das Land, das uns Sorgen bereitet, ist der Iran. Davon lenkt sein Gedicht ab. Grass verwechselt Ursache und Wirkung. Er stellt die Dinge auf den Kopf", so Polenz.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland bezeichnete den Text von Grass als "ein aggressives Pamphlet der Agitation", so Zentralratspräsident Dieter Graumann. Es sei traurig, dass Grass sich in dieser Form zu Wort melde und Israel dämonisiere. Der Text sei unverantwortlich und eine Verdrehung der Tatsachen. Nicht Israel, sondern der Iran bedrohe den Frieden, sagte er. Das Mullah-Regime unterdrücke die eigene Bevölkerung und finanziere den internationalen Terrorismus. "Ein hervorragender Autor ist noch lange kein hervorragender Analyst der Nahost-Politik", fügte Graumann hinzu.

"Anschlag auf Israels Existenz"

Der Publizist Ralph Giordano sprach von einem "Anschlag auf Israels Existenz". "Selten hat mich etwas so erschüttert", so der 89-Jährige. Mit seiner einseitigen Anklage stelle Grass die Dinge auf den Kopf. "Diese Umkehrung der Tatsachen, wer hier wen bedroht, trifft mich persönlich besonders tief, weil sie aus dem Munde von Günter Grass kommt. Als die Welt über ihn herfiel, weil er als Achtzehnjähriger bei der Waffen-SS war (und das lange verschwiegen hat), habe ich ihn verteidigt."

Umso enttäuschter sei er, dass Grass Israel nun als den eigentlichen Friedensstörer im Nahen Osten hinstelle. "Ich setze dieser Ungeheuerlichkeit mein Credo entgegen: Mit diesem hochgefährdeten Land fühle ich mich unlösbar verbunden." Er sei überzeugt von der Überlebensfähigkeit Israels. "Nie aber waren Unruhe und Sorge berechtigter als heute, und nie Juden gefährdeter als dort, wo sie sich am sichersten glaubten. Günter Grass' Poem ist ein Anschlag auf Israels Existenz."

Auch in Italien abgedruckt

Die linksliberale römische Tageszeitung "La Repubblica" druckte das Gedicht in seiner Mittwochausgabe in italienischer Übersetzung ab. Unter der Überschrift "Manifest in Versen gegen Israel" geht die Zeitung auf zwei Seiten auf das Gedicht ("Quello che deve essere detto") des deutschen Literaturnobelpreisträgers ein. "Günter Grass tritt wieder auf den Plan", heißt es in der Analyse der Zeitung. "Und er tut dies mit einem lyrischen Text, der dazu bestimmt ist, einen Streit auszulösen".

"Das Ergebnis seines Gedichts besteht allein darin, ein konfuses Rauschen zu erzeugen, eine unmögliche Gleichstellung Israels mit dem Iran, eine unglaubwürdige Verdrängung jener Bedrohung, die das Regime in Teheran für Jerusalem darstellt", schreibt die Zeitung. In diesem Konflikt sei das Schweigen Europas ohrenbetäubend. "Es wird jedoch kein Gedicht sein, das Europa aus dieser Ecke herausholt. Und sicherlich nicht dieses Gedicht."

(APA)

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