"Christophobie": Welle der Verfolgung in arabischer Welt

Iraks Christen wurden Opfer von Vertreibung. Nun wächst auch die Angst in Syrien. Die aus Somalia stammende harsche Kritikerin des Islam, Ayaan Hirsi Ali, spricht mittlerweile von „Christophobie“.

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(c) EPA (JULIEN WARNAND)

Die aus Somalia stammende harsche Kritikerin des Islam, Ayaan Hirsi Ali, spricht mittlerweile von „Christophobie“, sie beklagt den Hass auf Christen und warnt vor einer „neuen Christenverfolgung“. Und auch wenn man Hirsi Alis undifferenzierte Islam-Kritik nicht teilen mag – mit ihrer Mahnung, der um sich greifenden „neuen Christenverfolgung“ mehr Aufmerksamkeit zu schenken, ließ sie aufhorchen. Eine Studie der University of Maryland stützt Hirsi Alis Aussage: Von 2003 bis 2010 seien die Angriffe auf Christen in Afrika und Asien um 309 Prozent gestiegen. Von elf Anschlägen im Jahr 2003 auf 45 Anschläge auf Christen im Jahr 2010.

 

Assad als Schutzherr

Die Angst vor Verfolgung ist auch der Grund dafür, dass die christliche Minderheit in Syrien dem eher säkularen Regime von Bashar al-Assad bisher die Treue hält. Aus Angst, in einem neuen, möglicherweise von Islamisten dominierten Syrien keinen Platz mehr zu haben (siehe Interview).

Es gab zuletzt aus Syrien vermehrt Berichte über Massaker an Christen durch Jihadisten, die sich unter die Rebellen gemischt hätten. Barnabas Fund, eine christliche Hilfsorganisation, berichtet, in Homs und Aleppo seien Christen von den gegen die Regierung kämpfenden Milizen bedroht und zur Flucht gezwungen worden. Diese Angaben können freilich nicht von unabhängigen Beobachtern verifiziert werden, da das Regime derzeit kaum ausländische Journalisten ins Land lässt.

 

Flucht aus dem Irak

Die Christen in Syrien konnten beobachten, wie es ihren Glaubensbrüdern im benachbarten Irak ergangen ist. „Wir sind für sie Ungläubige, die ihr Land verschmutzen. Extremistische Gruppen wollen alle anderen Religionen auslöschen“, sagte der Abt des Marienklosters im nordirakischen Al- Qosh, Gabriel K. Tooma, vor einigen Wochen zur „Presse“. Nach dem Abzug der USA sei der Kampf um Macht und Ressourcen zwischen den einzelnen Fraktionen im Irak noch härter geworden, Minderheiten wie die Christen würden zwischen die Fronten geraten. Der irakische Erzdiakon Emanuel Youkhana rief vor einigen Monaten dazu auf, „die Wahrheit beim Namen zu nennen, dass Christen systematisch angegriffen und aus dem Irak vertrieben werden sollen“. Seit dem Einmarsch der US-Armee im Jahr 2003 ist mehr als die Hälfte der Christen aus dem Irak geflohen.

In Ägypten hatten vor mehr als einem Jahr Muslime und Christen Seite an Seite demonstriert, um Präsident Hosni Mubarak von der Macht zu verdrängen. Sie beteten nebeneinander auf dem Tahrir-Platz, dem Herzen der Revolution, vereint im Wunsch nach einem Ägypten, in dem mehr Freiheit und Gerechtigkeit herrscht. Im Jahr nach dem Sturz des Präsidenten kam es immer wieder zu Zusammenstößen zwischen Christen und Salafisten, die eine besonders rückwärts gewandte Spielart des Islam predigen, Kirchen gingen in Flammen auf. Viele Ägypter mutmaßten, Teile des alten Regimes könnten salafistische Gruppen benutzen, um für Chaos zu sorgen.

 

„Die Kirche muss sich öffnen“

Dass bei den ersten Parlamentswahlen Muslimbrüder und Salafisten am besten abschnitten, verunsicherte viele ägyptische Christen noch weiter – auch wenn Vertreter der Bruderschaft bisher sehr verbindliche Worte für die Christen gefunden und die koptische Weihnachtsmesse besucht haben.

Trotz wachsender Sorge versuchen einige, Bunkermentalität erst gar nicht aufkommen zu lassen. „Wir sind jetzt an einem neuen Punkt. Die Christen beginnen, aus der Kirche herauszugehen und offener als bisher mit ihren muslimischen Nachbarn in Kontakt zu treten“, erzählt Bischof Ibrahim Isaac Sidrak, der vor Kurzem auf Einladung der Dreikönigsaktion in Wien war. Der katholische Geistliche ist Bischof der Diözese al-Minya in Mittelägypten, einst Hochburg der jihadistischen Untergrundorganisation Jamaa al-Islamiya. „Damals war es in al-Minya gefährlich für Christen. Das ist jetzt vorbei.“

Drohungen gegen Kirchen in seiner Diözese habe es bisher nicht gegeben, sagt Sidrak „Wenn auch Muslime davon profitieren, was wir tun, sehen sie unsere Häuser auch als die Ihren an.“ So würden etwa in Kirchen Kliniken eingerichtet, die auch Muslime benützen. „Die Kirche muss sich öffnen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2012)

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