Da hilft nur mehr die Droge Fußball

Die Bevölkerung fühlt sich von der Regierung getäuscht. Und statt seinen Bürgern reinen Wein über die EU-Hilfen einzuschenken, flog Premier Rajoy lieber zum EM-Spiel.

Es war ein guter Moment, um der stolzen spanischen Nation unterzujubeln, dass sie nun auch bald am Tropf des europäischen Rettungsfonds hängt. Wenn auch nur gewissermaßen mit einem Arm – mit der wankenden Bankenbranche. Ein sonniges Wochenende, an dem viele Spanier sowieso keine Zeitung lesen, keine Nachrichten hören, sondern üblicherweise aufs Land fahren, den Wochenend-Einkauf erledigen, Siesta halten und dann zum Fußballschauen den Fernseher einschalten.

So haben auch die meisten Spanier die überraschende TV-Ansprache ihres konservativen Regierungschefs Mariano Rajoy zur „sehr heiklen Lage“ der Nation am Sonntagmittag gar nicht mitbekommen. Ein nervös wirkender Premier stand vor der Kamera, versuchte seinem Volk schonend beizubringen, dass nun auch Spanien unter den Rettungsschirm schlüpfen muss. Das Wort „Rettung“ nahm er freilich nicht in den Mund. Er sprach stattdessen lieber von „europäischer Kreditlinie“, die notwendig sei, „um die Zahlungsfähigkeit der spanischen Bankenbranche wiederzuerlangen“.

Warum er zuvor die anstehende Rettungsaktion bis zur letzten Minute dementiert habe? Solche Verhandlungen müssten eben diskret geführt werden, rechtfertigte sich Rajoy und ließ seine Augen unruhig flackern. „Das überträgt man nicht im Fernsehen.“ Rajoys Glaubwürdigkeit hat dieses Verwirrspiel jedenfalls nicht gutgetan. Sogar die konservative Tageszeitung „El Mundo“, eigentlich auf Rajoys Seite, empört sich: „Schade, dass der Regierungschef in einem Moment, in dem sich die Bevölkerung große Sorgen macht, keinen Klartext spricht“ – die Bürger würden „wie Kinder behandelt“.

 

„Tore gegen die Krise“

Kaum hatte Rajoy seinen umstrittenen Auftritt beendet, setzte er sich ins Regierungsflugzeug, um zum Auftaktspiel des spanischen Fußballteams gegen Italien zur EM nach Polen zu fliegen. Die mitschwingende Botschaft ist fatal: Es gibt eben auch für Spaniens obersten Krisenmanager in diesen Stunden wichtigere Dinge zu tun, als immer nur Probleme zu wälzen.

Viele Spanier dürften sich indes ebenso wie ihr Premier ein wenig (positive) Ablenkung erhoffen: Immerhin ist die Nationalmannschaft, die „rote Furie“, als amtierender Europa- und Weltmeister einer der EM-Favoriten. Den Spaniern hängt das Wort „Krise“ zum Hals heraus: „Ich höre im Radio nur noch Musik“, sagt der Friseur Alejandro Ordonez: „Es gibt ja sowieso nur noch schlechte Nachrichten.“ Laut dem staatlichen Umfrageinstitut CIS sehen mehr als 90 Prozent aller Spanier die Zukunft ziemlich schwarz.

Spaniens Fußballidole schaffen derweil das, was der spanischen Regierung nicht gelingt: den Menschen Mut zu machen. „Tore gegen die Krise“, titelt „Marca“, die größte Sportzeitung des Landes. Stürmeridol Fernando Llorente träumt vom Titel: „Es wäre großartig, wenn wir den Leuten eine Freude machen könnten.“ Spaniens besonnener Trainer Vincente del Bosque warnt allerdings vor zu viel Hoffnung: „Das Team wird Spanien auch nicht aus der Krise holen können.“ Del Bosque genießt bei den Spaniern jenes Vertrauen, das Politiker und Repräsentanten des Krisenstaates verspielt haben. So fragen sich viele Bürger schon länger, wer eigentlich ihr sinkendes Schiff namens Spanien steuert.

Die königliche Familie fiel zuletzt vor allem durch Skandale auf. Regierungschef Rajoy, der zum Amtsantritt vor sechs Monaten gelobt hatte, dass es bald aufwärts gehe, ist ebenfalls auf dem besten Wege, seinen Kredit zu verspielen. Immer mehr Wähler fühlen sich getäuscht, nachdem Rajoy reihenweise Wahlversprechen brach, etwa die Steuern nicht zu erhöhen.

 

„Lieber ein Konto im Ausland“

„Es scheint so, als ob wir ohne Kapitän immer tiefer ins Unwetter fahren“, beschreibt Friseur Ordonez seinen Eindruck. Er weiß, was im Volk los ist, denn seine Kunden jammern ihm täglich die Ohren voll: „Manchmal möchte man schreien: Rette sich wer kann!“ Einige seiner jüngeren Kunden haben sich schon ins Ausland gerettet, weil sie ohne Job auf der Straße standen. Andere fragen sich: „Sind meine Ersparnisse noch sicher?“ Eine spanische Wirtschaftszeitung empfiehlt ihren Lesern bereits für alle Fälle, „ein Konto im Ausland zu eröffnen“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2012)

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