Warum es in Polen keine Oligarchen gibt

Im Vergleich zum russischen Geldadel nimmt sich die polnische Elite geradezu mickrig aus. Dabei hat es Anfang der 1990er-Jahre einige vielversprechende Kandidaten gegeben.

Warum Polen keine Oligarchen
Warum Polen keine Oligarchen
(c) Dapd (Martin Oeser)

Warschau/La. Tadeusz Likus hat eine Mission: den guten Geschmack nach Polen zu bringen. Was Anfang der 1990er-Jahre mit dem Vertrieb von Zigarren und Wein begonnen hatte, wuchs sich im Lauf der Jahre zu einem kleinen Lifestyle-Imperium aus, dessen vorläufige Krönung das Warschauer Nobelkaufhaus „Wolf Bracka“ ist (siehe Bild links). Und Likus ist auch der beste Beweis dafür, dass sich mit Luxus gutes Geld machen lässt. Das Nachrichtenmagazin „Wprost“, das jährlich das Ranking der reichsten Polen erstellt, platzierte Likus 2012 mit einem Privatvermögen von einer Milliarde Złoty (rund 200 Mio. Euro) auf Platz 26. Angeführt wird die Hitparade der Millionäre wie in den Jahren zuvor von dem Investor Jan Kulczyk, dessen Vermögen mit 9,7 Milliarden Złoty beziffert wird.

Eines fällt abseits all dieser Zahlenspiele auf: Im Vergleich zum russischen Geldadel nimmt sich die polnische Elite geradezu mickrig aus. Das US-Magazin „Forbes“ platziert Alischer Usmanow, den reichsten Russen, in seinem globalen Ranking auf Platz 28 – dessen Vermögen wird auf rund 15 Mrd. Euro geschätzt. Und Russlands Nummer 26, ein Baustoffmagnat namens Filaret Galtschew, ist sogar deutlich reicher als Polens Erstplatzierter Kulczyk.

 

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Keine überdimensionalen Egos

Die Tatsache, dass es Polen in seiner bald 25-jährigen Geschichte der freien Marktwirtschaft zu keinen Oligarchen gebracht hat, blieb lange unbemerkt und ist erst seit kurzer Zeit Gegenstand von Überlegungen. Daniel Passent, der für seine Bonmots bekannte Kolumnist der liberalen Warschauer Wochenzeitung „Polityka“, stellt den Sachverhalt folgendermaßen dar: „Was die Trennung von Kirche und Staat anbelangt, haben wir hier auf ganzer Linie versagt. Dafür waren wir bei der Trennung von Staat und Unternehmen geradezu spektakulär erfolgreich.“

Über die Gründe dieses Erfolgs scheiden sich die Geister. Ruchir Sharma, Autor des den Emerging Markets gewidmeten Bestsellers „Breakout Nations“, weist im Zusammenhang mit Russland auf eine Abfolge von überdimensionalen Egos hin – von Gorbatschow über Jelzin bis Putin –, die in das Muster des russischen Kults der starken Persönlichkeit hineinpassen – und diesen Kult gebe es, anders als in Polen, nun mal auch in der Wirtschaft.

Wobei sich diese These nicht aufrechterhalten lässt, zieht man Polens wilde 1990er-Jahre mit in Betracht. Zu den Überfliegern dieser Ära zählte etwa der polnisch-kanadische Millionär Stanisław Tymiński, der in der Politik reüssieren wollte (Ähnlichkeiten mit austrokanadischen Millionären sind rein zufällig und nicht beabsichtigt) und im Präsidentschaftswahlkampf 1990 aus dem Stand auf beachtliche 23 Prozent der Stimmen kam – nur Lech Wałęsa war damals beliebter bei den Wählern.

Oder Bogusław Bagsik und Andrzej Gąsiorowski, die Begründer der Investmentgesellschaft Art-B, die mit ihrer Erfindung, dem sogenannten „ökonomischen Oszillator“, reich und berühmt wurden. Bei dieser wundersamen Geldvermehrung ging es grob vereinfacht darum, mangelhafte Kommunikation unter den Bankfilialen auszunutzen und denselben Geldbetrag mehrfach anzulegen. Als der Schwindel 1991 aufflog, setzten sich die beiden Kurzzeit-Oligarchen nach Israel ab.

 

Andere juristische Kultur

Die Affäre um Art-B liefert allerdings eine Teilantwort auf die eingangs gestellte Frage: Anders als in Russland hatten Justiz und Exekutive in Polen bereits wenige Jahre nach der Demontage des Ostblocks wieder Biss. „In Polen war es nicht möglich, Kapital so rasant zu akkumulieren, wie es in Russland der Fall war“, sagt Zygmunt Berdychowski, der Veranstalter des Wirtschaftsforums Krynica, das als „Davos des Ostens“ gilt. Wobei die Akkumulation in Russland aufgrund der Bodenschätze leichter fiel als im rohstoffarmen Polen. Doch die vermutlich wichtigste Rolle als Stabilisator spielte die EU – um beitreten zu können, musste Polen ein Rechtsstaat werden. Und das ist auch geglückt: „Wir haben jetzt eine ganz andere juristische Kultur als in Russland“, betont Daniel Passent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2012)

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