Als das Meer noch bei Österreich war

Der Marinestützpunkt in Pula, der Handelshafen in Triest: Bis 1918 war Österreich eine Seemacht - zumindest in der Adria. Vor allem aus touristischer Sicht ist uns wegen Königgrätz und Sarajewo danach noch so einiges entgangen.

(c) EPA (BARBARA WALTON)

Der Kroatien-Urlauber des Jahres 2013 kann sich das wohl kaum noch vorstellen. Bis hinunter nach Dubrovnik reichte Österreich einmal. Die gesamte istrisch-dalmatinische Küste, das Herzstück des heutigen Tourismuslandes Kroatien, war Teil Österreich-Ungarns. Zusammen mit den vorgelagerten Inseln entspricht deren Länge dem Achtfachen der Pazifikküste zwischen San Francisco und Los Angeles, wie der Publizist und ehemalige Bundespräsidenten-Sprecher Hans Magenschab aus Anlass des EU-Beitritts Kroatiens unlängst im „Freizeit-Kurier“ vorrechnete.

Vor der kroatischen Küste feierte die einstige „Seemacht“ Österreich – zumindest in der Adria – auch einen ihrer glanzvollsten Siege. In der „Seeschlacht von Lissa“, im kollektiven Bewusstsein der Österreicher nach wie vor verankert, wenn auch weiter hinten, focht die österreichische Marine unter Admiral Wilhelm von Tegetthoff am 20. Juli 1866 gegen die italienische.

Die zahlenmäßig überlegenen Italiener hatten im Rahmen des „Dritten Italienischen Unabhängigkeitskrieges“ die Insel Lissa, heute kroatisch Vis, angegriffen. Tegetthoffs Gegenstrategie zielte darauf ab, die italienischen Schiffe zu rammen, erstmals wurden sogenannte Panzerschiffe eingesetzt. Mit Erfolg. Die Entschlossenheit des Befehlshabers Tegetthoffs und die Leistung der Artillerie taten ihr Übriges. Die schmachvoll geschlagenen Italiener mussten sich zurückziehen. Tegetthoff wurde zum Volkshelden.

Königgrätz schlägt Lissa. Es sollte ein weitgehend wertloser Sieg bleiben. Denn an einer anderen, bedeutenderen Front hatte Österreich verloren: In Königgrätz, gegen die mit den Italienern verbündeten Preußen. War Lissa ein Trauma für die Italiener, so war Königgrätz eines für Österreich – ein weit schlimmeres allerdings. Denn Österreich musste daraufhin Venetien an Italien abtreten. Womit es den Großteil seiner Gebiete an der italienischen Adriaküste verlor – inklusive der später so beliebten Badeorte von Grado bis Jesolo. Und vor allem Venedig.

Triest und sein Umland blieben bis 1918 bei Österreich. Es war dessen bedeutendster Handelshafen und diente auch der Marine als Stützpunkt. Der Hauptkriegshafen Österreich-Ungarns lag allerdings auf der kroatischen Seite, in Pula (damals Pola). Hier gab es ein eigenes Marineviertel mit Kaserne, Kirche und Spital, eine Marine-Akademie und ein hydrografisches Amt. Auch ein Cottage-Viertel mit Villen für die höheren Offiziere entstand. Vor Pula lag der Großteil der Flotte, damals die sechstgrößte der Welt. Auch U-Boote waren darunter.

Als Österreich-Ungarn nach Ende des Ersten Weltkriegs seinen Meerzugang verlor, wurde die k.u.k Marine auf Anweisung des letzten Kaisers, Karl I., einfach dem neu entstandenen Königreich der Slowenen, Kroaten und Serben übergeben. Die „SMS Viribus Unitis“, der Stolz der Flotte, wurde in „Jugoslavia“ umbenannt – jedoch alsbald von den Italienern versenkt. Denn nun, nach dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie, waren sich in der Region die Italiener und Jugoslawen in die Haare geraten. Pula wurde von den Italienern besetzt, ganz Istrien kam zu Italien. Wie auch Triest.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderte Istrien wieder zu Jugoslawien, auch Triest war von Titos Truppen belagert. Nach Intervention der Alliierten erhielt die Stadt für einige Jahre den Status eines „Freien Territoriums“, einer Art eigenen Staates unter UNO-Verwaltung. Bis Triest letztlich dann doch wieder zu Italien kam.

Diesen Status eines „Freistaats“ möchte die 2011 gegründete Los-von-Rom-Initiative Trieste Libera nun wieder erkämpfen. Als natürlichen Verbündeten sieht sie dabei Österreich. „Unser Hafen ist euer Hafen“, heißt es auf der Homepage von Trieste Libera. Mit den schmeichelnden Worten „Es ist schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, 600 Jahre Geschichte im kollektiven Gedächtnis umzupolen“ wird um Unterstützung geworben. Beim Betrieb des Triestiner Hafens soll Österreich künftig (wieder) eine privilegierte Rolle zukommen. Realistisch betrachtet ist das allerdings nicht mehr als eine sezessionistische Spielerei.

Kein Meer mehr. Hätte Österreich, hätten Kaiser und Generalstab 1914 nicht die falschen Schlüsse aus den Schüssen von Sarajewo gezogen und Serbien nicht den Krieg erklärt, also heute noch einen Meerzugang? Eine ebenso müßige wie verlockende Frage.

So bleibt Österreich heute auf dem Seeweg nur über die Donau ein Zugang zum Meer – zum Schwarzen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2013)

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