Sarrazin: "Dann ist man gleich ein Nazi"

Thilo Sarrazin rät Griechenland, aus dem Euro auszutreten und den Staatsbankrott zu erklären. Und er beklagt, dass die "linksliberale Medienherrschaft" Tabuthemen unterdrücke. Ein "Presse"-Interview.

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Sarrazin – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Stellen Sie sich vor, Sie wären Wirtschaftsberater des griechischen Premiers. Welchen Weg aus der Krise würden Sie ihm empfehlen?

Thilo Sarrazin: Es gibt zwei Wege. Entweder schneidet die griechische Regierung in einem großen Reformschlag, ähnlich den Stein-Hardenberg-Reformen 1807 in Preußen, alle alten Zöpfe ab, bereinigt den Arbeitsmarkt, schleift sämtliche Privilegien, legt einen Einheitsurlaub von vier Wochen fest, hebt das Rentenalter auf 67 Jahre an. Das gibt einen Volksaufstand. Da kann der Premier gleich die Armee bereithalten, falls sie nicht auch streikt.

Und der zweite Weg?

Griechenland könnte aus der Eurozone austreten, wieder die Drachme einführen und um 40 Prozent abwerten. Das sind die beiden Wege. Alles dazwischen schafft schlechte Laune und führt in fortgesetzte Stagnation und Abhängigkeit von der Gnade der Deutschen und der EZB.

Wenn Griechenland aus der Eurozone austräte, blieben die Schulden in Euro notiert und wüchsen deshalb sogar.

Nein. Ein solcher Austritt wäre mit einem klaren Staatsbankrott verbunden. Griechenland würde seine griechischen Euro-Anleihen nicht zurückzahlen.

Aber Sie selbst werden doch konzedieren, dass es nach einem derart spektakulären Austritt eines Landes aus der Eurozone zu Verwerfungen käme.

Manche Verwerfungen führen in die Instabilität, andere zu einem stabilen Gleichgewicht.

Das lässt sich halt schwer vorhersagen.

Die Weltwirtschaft wird unter einem Austritt Griechenlands sicherlich nicht leiden. Die Griechen werden leiden, weil die Importe sich plötzlich um 40 Prozent verteuern werden. Aber das Lebensnotwendige wird schon noch nach Griechenland kommen. Und man kann ja übergangsweise helfen.

In der Eurozone fürchtet man, dass es nicht bei Griechenland bleibt, sondern zu einem Dominoeffekt kommt.

Wer das Dominobild verwendet, zeigt, dass er kein Vertrauen in sein System hat. Das Argument erinnert an den Vietnam-Krieg, in dem angeblich die freie Welt in Vietnams Dschungel verteidigt wurde.

Das Euro-System sah eben bisher keinen Austritt vor.

Das ist wirklichkeitsfremd. Sie können auch Lebensversicherungen verweigern oder Ihre Rentenbeiträge verbraten, weil Ihr individuelles System Alter und Tod nicht vorsieht. So können Sie leben, allerdings nur bis zu dem Tag, an dem das Gegenteil bewiesen wird.

Sie sagten bei Ihrem Vortrag in Wien, ein Kennzeichen der Krise sei, dass die meisten Politiker volkswirtschaftliche Zusammenhänge nicht verstehen.

Es ist ja auch kompliziert. Viele haben nicht die Fachkenntnisse oder intellektuellen Voraussetzungen dafür. Die meisten Politiker haben kein strategisches Ziel außer dem Machterhalt. Sie gehen nur im Kreis. Ob Kassier eines Ortsverbands oder Bundeskanzler: Die meisten Politiker setzen 90 Prozent ihrer Macht dafür ein, Ämter zu erlangen und zu verteidigen.

 

Jemand wie SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück kann Ihnen nicht unsympathisch sein. Ihm trauen Sie doch zu, zu verstehen, was da gerade passiert.

Steinbrück ist mir sehr sympathisch und auch ein aufrechter Charakter. Allerdings behaupte ich, dass er die Eurokrise in ihrer Komplexität auch nicht durchschaut hat.

Was kritisieren Sie? Dass er eine Haftungsunion vorgeschlagen hat?

Das ist so abstrus, dass ich es gar nicht weiter bewerten will. Sobald klar ist, dass Österreich und Deutschland für die Schulden von Italien oder Frankreich haften, haben die Italiener und Franzosen keinen Anlass mehr, den Umfang ihrer Schulden zu begrenzen.

Außer es gibt eine Instanz, die darüber wacht.

In Europa beherrscht der Süden den Norden demografisch. Die Südländer haben die Mehrheit in der EZB und der Kommission. Das wird nicht funktionieren. Es wird dazu führen, dass man die Schulden vergemeinschaftet und dann versucht, sich der Schulden durch Inflation und eine lockere Geldpolitik zu entledigen.

Was wäre denn Ihre Idee, wie Europa aus dem Schlamassel kommt?

Ich würde ab sofort keiner weiteren Ausdehnung von Bürgschaften oder Garantien zustimmen. Zweitens muss sich die EZB klar bekennen, dass sie den Ankauf von Staatsanleihen einstellt. Wenn sie das nicht tut, sollte Deutschland den Auszug aus der EZB ankündigen. Dann wissen die Märkte, dass es keine Hilfe mehr für die Staatshaushalte von Frankreich, Italien oder Spanien gibt. Dann werden die Zinsen in diesen Ländern steigen. Und darauf gibt es eine einfache Antwort: eine glaubwürdige Konsolidierungspolitik.

Wäre der Austritt Deutschlands aus der Eurozone auch eine Option für Sie?

Wenn Deutschland nicht mehr zahlt und bürgt, kann es abwarten, wer beim Euro bleibt. Im Extremfall nur Holländer, Österreicher, Finnen und Deutsche. Jahrzehntelang war das Wechselkursverhältnis zwischen D-Mark, Gulden und Schilling unverändert. Das war auch eine Währungsunion. Vielleicht geht es dahin zurück. Vielleicht raffen sich die Franzosen zusammen. Es ist wie bei einem gemeinsamen Dauerlauf. Nicht diejenigen, die durchhalten, entscheiden, ob jemand aufhört.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel pocht ja schon seit Langem auf Konsolidierung in der EU .

Das bringt ja nichts. Es gibt keine Möglichkeit, von einem Staat in den nächsten hineinzuregieren. Was soll Merkel machen? Einen Zettel schreiben mit Reformmaßnahmen für Frankreich und Präsident Hollande sagen, dass er in 14 Tagen über die Umsetzung berichten soll? Das bedeutet den nächsten deutsch-französischen Krieg.

Sie sind in Wien bei einer FPÖ-Veranstaltung aufgetreten. Fühlen Sie sich in der Sozialdemokratie noch wohl?

Eine Partei ist keine Wohngemeinschaft. Ich habe mich immer auf dem Boden der sozialdemokratischen Grundsätze gesehen. Das ist mir auch von der Parteischiedskommission bestätigt worden.

Warum liebt Sie dann die Rechte so?

Ich sehe nicht, dass die Rechte mich liebt. Gewisse Fragen sind heimatlos geworden. Es ist der linksliberalen Medienherrschaft leider gelungen, schon das Ansprechen bestimmter Fragen in die Nähe des Illegitimen zu rücken.

 

Welche Tabuthemen gibt es denn da Ihrer Ansicht nach noch?

Wenn man sich kritisch zu Islam, Sozialmissbrauch oder Bevölkerungsfragen äußert, ist man gleich rechts und ein Nazi. Davon lassen sich viele einschüchtern. Ich kenne Kommunalpolitiker, die mir frank über Probleme mit Roma und Sinti berichten. Sie würden das nie zu einem Journalisten sagen.

 

Was soll denn die Logik hinter Ihrer These sein? Wenn es ein Publikum gibt, werden Medien diese Themen ansprechen.

Medien arbeiten nicht fürs Publikum, sondern für ihre eigene Agenda. Sie wissen doch, dass es so ist.

 

Ich weiß, dass der Vorwurf beliebt ist.

Die Parteipräferenzen von Medienvertretern weichen ab von der der Bevölkerung. Das Phänomen ist alt, in den 1970er-Jahren waren 70 Prozent der Journalisten für Rot-Gelb.

 

Für Sie als SPD-Mitglied muss das doch angenehm gewesen sein.

Ich habe das damals noch nicht durchschaut.

Zur Person

Thilo Sarrazin (geb. am 12.2.1945) war nach seinem Studium der Volkswirtschaft ab 1975 im deutschen Bundesfinanzministerium tätig. Nach einem kurzen Intermezzo bei der Deutschen Bahn holte ihn der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit 2002 als Finanzsenator nach Berlin. Im Mai 2009 wechselte der Sozialdemokrat in den Vorstand der Bundesbank. Nur fünf Monate später trat er nach einem Interview zurück, in dem er die mangelnde Integration bildungsferner Migranten scharf kritisiert hatte. Damit handelte er sich ein Parteiordnungsverfahren in der SPD ein. Aus dem Interview wurde ein Buch: „Deutschland schafft sich ab“ – ein höchst umstrittener Bestseller. Vor einem Jahr erschien Sarrazins nächster Aufreger – „Europa braucht den Euro nicht“.

Sarrazin war auf Einladung des Liberalen Klubs und des Bildungsinstituts der FPÖ in Wien. Er hielt in der Hofburg einen Vortrag über die „Währungs- und Demokratiekrise in Europa“. Neben ihm auf dem Podium saß FPÖ-Chef HC Strache.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2013)

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