Der Kampf um die Gurkenkrümmung

Brüssel will die umstrittenen Größenregeln für Obst und Gemüse endlich abschaffen. Doch einige EU-Länder, darunter Österreich, sind dagegen.

Brüssel. Das Gezeter ging den Beamten der EU-Kommission schon lange auf die Nerven. „Überregulierung“ und „bürokratischen Wahnsinn“ hat man ihnen vorgeworfen, nur weil sie gemeinsam beschlossene Regeln für den Radius von Gurken und andere Größen- und Qualitätsnormen für Obst und Gemüse jahrzehntelang umsetzen mussten. Dass etwa die Gurkenkrümmung gar nicht von EU-Beamten, sondern eigentlich von der UN-Wirtschaftskommission stammt, spielte dabei keine Rolle. Doch jetzt soll damit Schluss sein: Kommende Woche wird die EU-Verwaltungsbehörde den Mitgliedstaaten die Abschaffung von 26 der bisher 36 Regelungen zu Gemüse- und Obstsorten vorschlagen – darunter der Gurke.

Bisher durfte eine schöne EU-Gurke eine maximale Krümmung von zehn Millimetern auf zehn Zentimeter Länge haben. Geht es nach dem Willen der EU-Kommission, so soll das beliebte Gemüse künftig auch wieder in gekrümmter Form in den Regalen der Supermärkte liegen. Auch kurios geformte Karotten, Melonen, Erbsen und so manch anderes Obst und Gemüse dürften dann nach Belieben vermarktet werden – wenn die Mitgliedstaaten dem zustimmen.

Doch dieses Ja ist gar nicht so sicher. Einige Länder, auch Österreich, beharren nämlich auf den Regelungen, die etwa dazu beitragen, dass immer die selbe Anzahl an Gurken, Zwiebeln oder Kohlsprossen in eine Packung passt.

Schon im Juli hatten sich einige Mitgliedstaaten gegen die Abschaffung quergelegt. Was öffentlich so stark kritisiert wurde, hatte ihrer Ansicht nach durchaus seinen Sinn. Im Fall der Gurke wurde argumentiert, dass diese Regelung hilft, das Transportvolumen deutlich zu reduzieren. Denn die bevorzugten geraden Gurken benötigen naturgemäß weniger Platz im Lkw oder Container als gekrümmte.

Andererseits führten die Normen auch dazu, dass Produzenten immer wieder schlecht gewachsenes Obst und Gemüse vernichten. „In Zeiten hoher Lebensmittelpreise ist es nicht angebracht, Nahrungsmittel nur deshalb wegzuwerfen, weil ihnen das richtige Aussehen fehlt“, argumentiert Kommissionssprecher Michael Mann.

 

Freie Hand für den Handel

Die EU-Kommission will es künftig dem Handel überlassen, welche Produkte er in die Regale stellt. Doch genau das fürchtet die österreichische Landwirtschaftskammer. „Jetzt wird das der Handel ganz allein bestimmen, und die Produzenten müssen sich nicht mehr nach einer einzigen Norm richten, sondern möglicherweise nach vielen unterschiedlichen Regeln“, warnt Johann Greiml, der Obst- und Gemüseexperte der Kammer.

Er bestätigt im Gespräch mit der „Presse“ auch, dass Österreichs Vertreter bei der Entscheidung nächste Woche in Brüssel bremsen werden. Sie werden für eine genauere Prüfung eintreten, welche Regelung tatsächlich sinnlos ist und welche aus gutem Grund beibehalten werden sollte. Für gerade Gurken gibt es da durchaus Sympathien. Diese Regelung, so Johann Greiml, „war nicht negativ“. Brüssel will aber nur noch zehn Obst- und Gemüsesorten regeln. So sollen beispielsweise Qualitäts- und Größenstandards für Äpfel, Pfirsiche und Erdbeeren bestehen bleiben. Den Rest soll der Handel mit den Produzenten frei vereinbaren.

In der Praxis ist es freilich auch möglich, dass sich durch die Streichung der EU-Regeln gar nichts ändert. Jedenfalls nicht in Österreich. Hier wurde bereits lange vor dem EU-Beitritt im Jahr 1968 eine Qualitätsklassenverordnung erlassen, die nur geraden Gurken das Prädikat der höchsten Qualitätsklasse einräumte. Die nun möglicherweise wieder abgeschaffte EU-Regelung hatte deshalb schon bei ihrer Einführung 1988 nichts an der heimischen Gurkenproduktion geändert. So dürfte es auch diesmal sein.

 

Dank Züchtung längst gerade

Außerdem ist es eine Illusion, dass sich die Regale der Supermärkte über Nacht wieder mit krummen Gurken, lustig-vielfältigen Karotten oder Wassermelonen in unterschiedlichsten Größen füllen. Viele dieser verordneten Standards wurden durch Spezialzüchtungen und Produktionsmethoden erreicht, die von der Landwirtschaft wohl auch weiterhin genutzt werden.

„Krumme Gurken gibt es fast nicht mehr“, gesteht Greiml ein. „Sie sind züchtungsbedingt schon längst gerade geworden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2008)

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