Lukas Bärfuss: „Unsere Identität ist eine abgrenzende“

Interview. Der Schriftsteller und Dramaturg sieht die bilaterale Anbindung seines Landes an die EU, aber auch den Nationalstaat am Ende.

Der Schweizer Autor Lukas Bärfuss
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Der Schweizer Autor Lukas Bärfuss
Der Schweizer Autor Lukas Bärfuss – Geri Krischker

Die Presse: Die EU-kritischen Österreicher nennen gern die Schweiz als ihr Vorbild. Sie haben es mit dem Weg über bilaterale Verträge besser gemacht. Stimmt das?

Lukas Bärfuss: Wir kennen natürlich die Gegenprobe nicht. Das ist eine verfluchte Eigenschaft der Geschichte, dass niemand überprüfen kann, was gewesen wäre, wenn man es anders gemacht hätte. Aber es ist sicher so, dass auch Österreich in einigen Bereichen für Schweizer als Vorbild gilt. Wie zum Beispiel in der Landwirtschaft oder im Tourismus. Spannungen gibt es in beiden Fällen. Ich erinnere mich, als die FPÖ noch in der Regierung war. Damals hatte Österreich turbulente Auseinandersetzungen mit den EU-Partnern. Wir haben jetzt ähnlich große Probleme. Nach dem 9. Februar 2014, der Zustimmung zur Initiative gegen Masseneinwanderung, ist das Verhältnis schwierig. Der bilaterale Weg ist schon ein wenig moribund.

Warum?

Weil niemand den Weg sieht, wie die beiden Prämissen – das zentrale Gebot der EU zur Personenfreizügigkeit und die Kontingentierung der Zuwanderung, die nun in der Schweizerischen Bundesverfassung steht – zusammengehen sollen. Es wird darauf ankommen, ob diese Diskussion mit politischen Maßnahmen befriedet werden kann.

Sehen Sie eine Chance dafür?

Derzeit ist das Verhältnis der Schweiz zur EU nicht in trockenen Tüchern. Es ist eine Ironie der Geschichte. Diese aktuellen Probleme haben sich durch die Integration ergeben. Und diese ist wiederum äußerst schwierig in der Schweizer Verfassungsrealität umzusetzen, weil die Verfassung nicht integrativ ausgelegt ist, sondern abgrenzend. Die Schweiz würde allerdings längst nicht mehr funktionieren, würden wir auf Abgrenzung auch in wirtschaftlicher Hinsicht bestehen. Ich kann Ihnen ein Beispiel nennen: Es gibt keine Widerstände der Beteiligten dagegen, dass die Schweiz dem europäischen Energiemarkt beitritt. Alle Teilnehmer dieses Markts sind dafür, weil es für alle Seiten nur Vorteile bringt. Aber wir müssten das gesamte Vertragswerk von der EU übernehmen und das ist ideologisch-politisch nicht durchsetzbar.

Hängen die Vorbehalte mit der Angst vor dem Verlust von Souveränität zusammen?

Das ist ein höchst problematischer Begriff. Ich glaube eher, dass wir eine geteilte Souveränität anstreben sollten, wie das bei Habermas schon steht. Die notwendige Debatte darüber war in der Schweiz während der vergangenen 15 Jahre allerdings vergiftet und total ideologisiert. Das hat sich vielleicht jetzt etwas geändert, weil viele begreifen, dass die Sache dringender wird.

Was hält die Schweiz, die allein wegen ihrer vielen Sprachen kein homogener Staat ist, zusammen? Was ist für die Schweizer identitätsstiftend?

Das verändert sich gerade sehr. Die Identität der Schweiz war seit 1848 eine abgrenzende. Zuerst war es der liberale Bundesstaat, der sich gegen die reaktionären Monarchien zu behaupten hatte. Dann kam schon bald die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus und mit dem deutschen Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Kalte Krieg, da war der Ostblock der große Feind. Die nationale Kohäsion wurde stets durch die äußere Bedrohung aufrechterhalten. Seit 1989 ist das aber schwierig geworden. Denn jetzt sind wir von Freunden umzingelt. Und die Schweiz hat damit keine Erfahrung. Die EU wurde zwar als Platzhalter konstruiert, um doch noch einen Feind zu haben. Das hat politisch eine Weile gut funktioniert. Doch mittlerweile ist durch die Globalisierung – beispielsweise halten sich deren Finanzströme an keine Territorien mehr – der Nationalstaat grundsätzlich infrage gestellt. Die Idee des Nationalstaats beruht auf einem räumlichen Hoheitsgebiet. Die Realität ist aber längst eine ganz andere. Wo gibt es dieses Territorium noch? Meine Persönlichkeitsrechte etwa werden in der Cloud verletzt. Wo kann ich das einklagen?

Was ist die Konsequenz?

Die Bestimmung des Menschen ist es, eines Tages den Nationalstaat zu überwinden. Das ist eine Idee aus dem 19. Jahrhundert gewesen, die sich noch ein bisschen in das 20. Jahrhundert gerettet hat. Wenn wir die politische Partizipation des Einzelnen aufrechterhalten wollen, dann müssen wir die wirtschaftliche Globalisierung auch zu einer politischen machen. Der Nationalstaat ist eigentlich am Ende.

Derzeit erleben wir in vielen europäischen Staaten – Österreich ist keine Ausnahme – eher eine Renaissance des Nationalismus. Liegt dahinter nicht auch eine Sehnsucht nach Identifikation?

Die Aktualität etwa in der Ukraine beweist, was das veraltete Konzept der Nation anrichtet. Ich kann nicht feststellen, dass in der Schweiz die nationale Identität sehr ausgeprägt wäre. Das ist ein Mythos. Es gibt eine sehr starke regionale Identität. Es ist sehr schwierig herauszufinden, was überhaupt noch das gemeinsame Interesse ist – etwa zwischen einem Tessiner und einem Zürcher. Die haben ganz andere Probleme. Das spiegelt sich auch in den Abstimmungsresultaten wider. Die Gemeinsamkeiten zwischen Zürich und Stuttgart sind auch viel größer als etwa jene zwischen Zürich und dem Kanton Jura. Der Wille zur Einheit wird deshalb nur noch künstlich hergestellt.

Sie haben in Ihrem letzten Essay „Stil und Moral“ über Freiheit und Lüge geschrieben. Ist die Freiheit der Schweiz und ihre Selbstbestimmung in den globalen Zwängen nicht eher ein Selbstbetrug? Hat die Schweiz überhaupt noch die Möglichkeit, einen gesonderten Weg zu gehen?

Das war immer nur eine Ideologie, um die Folgen des Opportunismus zu bemänteln. Ein Kleinstaat kann sich gar nicht leisten, eine große autonome Identität durchzusetzen. Das Bankgeheimnis galt beispielsweise über 60 Jahre als identifikatorischer Grundpfeiler der Schweiz. Der Bundesrat hat noch vor wenigen Jahren gesagt, das sei unantastbar. Und dann hat es ein Wochenende gedauert, als die EU und die USA ernst machten. Dann wurde das gekippt. Es gab auch danach keinen Aufschrei. Alle wussten, dass wir keine Wahl hatten.

Wäre ein EU-Beitritt eine Lösung für die Schweiz?

Wir sind gar nicht so weit. Es gibt in der Schweiz noch keine Diskussion darüber, was dann mit den Volksrechten passieren würde, ob wir Referenden beibehalten könnten. Der EU-Beitritt ist gar nicht die Frage. Sondern eher, ob wir dem Euro beitreten sollen oder nicht. Mir hat noch niemand erklären können, was denn eigentlich noch der Sinn und Zweck einer eigenen Währung sei. Im Januar hat der Nationalbankpräsident mit einem Satz 20 Prozent meines Einkommens vernichtet – nur durch die Ankündigung, dass die Untergrenze der Euro-Franken-Bindung gekappt wird. Mein Verlag ist in Deutschland, ich verdiene mein Einkommen großteils in Euro. Die Idee, mit einer eigenen Währung einen unabhängigen Markt durchsetzen zu können, ist doch reine Fiktion. Wir haben den Franken nur noch für das internationale Kapital. Die schweizerische Realwirtschaft aber leidet darunter.

 

Zur Person

Lukas Bärfuss, 1971 in Thun geboren, arbeitet als Schriftsteller in Zürich. Er schreibt Romane („Hundert Tage“, 2008, „Koala“, 2014) und vor allem Theaterstücke (u. a. „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“, „Der Bus“, „Die Probe“, „Öl“), die in Basel, Bochum,am Thalia-Theater Hamburg, den Münchner Kammerspielen und am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt wurden. Von 2009 bis 2013 war er als Dramaturg und Autor am Schauspielhaus Zürich tätig; hier entstandenseine Stücke „Malaga“ (2010) und „Zwanzigtausend Seiten“ (2012). Seine Werke wurden unter anderem mit dem Mülheimer Dramatikerpreis, dem Berliner Literaturpreis sowie zuletzt dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2015)

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