Wenn ein Mord Politik macht

Nach dem gewaltsamen Tod der britischen EU-Befürworterin Jo Cox könnte die Stimmung für das Brexit-Referendum nächsten Donnerstag drehen. Diese Aussicht ließ Börse und Pfund steigen.

BRITAIN-POLITICS-SHOOTING-EU
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(c) APA/AFP/DANIEL LEAL-OLIVAS

London. Es könnte das entscheidende Momentum in der britischen Debatte um die Zukunft des Landes in der EU sein. Der Mord an der 41-jährigen Labour-Abgeordneten Jo Cox durch einen radikalen Rechtsnationalisten hat die Briten nicht nur geschockt. Das Engagement der beliebten Politikerin für einen Verbleib in der Europäischen Union könnte einen Teil der Bevölkerung mobilisieren, doch zur Abstimmung zu gehen.

In Reaktion auf den Mord suspendierten beide Lager bis auf Weiteres ihre Kampagnen für die Volksabstimmung am 23. Juni. Premierminister David Cameron, der für den Verbleib seines Landes in der EU wirbt, stellte sich an die Spitze der Kondolenzbekundungen und nannte Cox einen „Star für ihre Wähler und für unser gesamtes Parlament“. Sein Widersacher Boris Johnson, der das Brexit-Lager anführt, bezeichnete den Mord als „absolut entsetzlich“.

Die Debatte für oder gegen die EU-Mitgliedschaft war in den vergangenen Tagen zunehmend hitziger und mit immer mehr auch persönlichen Untergriffen geführt worden. Wechselseitige Vorwürfe der Lüge, Täuschung und Panikmache waren noch die salonfähigsten Bemerkungen. Greifbar wurde auch ein massiver Autoritätsverlust, etwa von Premierminister Cameron: Von sechs Falschaussagen, die er dem Brexit-Lager vorgeworfen hat, halten die Wähler nach einer Umfrage von gestern fünf für die Wahrheit.

Wie alle Meinungsumfragen zuletzt auch zeigen, lag das Momentum in der Schlussetappe der Referendumskampagne eindeutig aufseiten der EU-Gegner mit einem Vorsprung von bis zu sieben Prozentpunkten. Allein die Suspendierung des Wahlkampfs nimmt ihnen nun ihren Schwung. Denkbar ist auch, dass viele unentschlossene oder schwankende Wähler ihre Entscheidung für den kommenden Donnerstag noch einmal überdenken. Die Briten reagierten gestern mit großer Trauer und Bestürzung auf den Mord: „So etwas passiert bei uns nie“, sagte ein Londoner zur „Presse“.

 

„Das ist der Game Changer“

Ein Klima der allgemeinen Verunsicherung wird das Lager für den Verbleib in der EU stärken. Obwohl sich beide Seiten gestern peinlich bemüht zeigten, kein politisches Kleingeld aus dem Verbrechen zu schlagen, meinte der Portfoliomanager Gary Cloud: „Das ist der Game Changer. Das ganze Land wird das Begräbnis dieser wunderbaren Frau und jungen Mutter sehen und noch einmal über ein Votum für den EU-Austritt nachdenken.“ Fariborz Moshirian von der University of New South Wales sagt: „Das könnte die ganze Psychologie der Auseinandersetzung ändern.“ Sowohl die Londoner Börse als auch das Pfund stiegen gestern stark.

Wegen des Mordes in Haft ist der 52-jährige Thomas Mair, der sich nach Augenzeugenberichten mit dem Ruf „Put Britain first“ auf Cox gestürzt und sie erst niedergeschossen und dann noch mit einem Messer attackiert hat. Nachbarn bezeichneten ihn gestern als Einzelgänger. Er soll von amerikanischen Neonazi-Websites Handbücher über die Herstellung von Schusswaffen bezogen haben. Obwohl niemand auch nur eine Nähe mit den EU-Gegnern angedeutet hat, ist unbestritten, dass dieses Lager insbesondere mit der Angst vor Fremden Stimmung macht.

Cox war im vergangenen Jahr erstmals für die Labour Party ins Parlament eingezogen und vertrat den Wahlkreis Birstall in West Yorkshire. Die frühere Mitarbeiterin der Wohltätigkeitsorganisation Oxfam engagierte sich besonders für Opfer des Bürgerkriegs in Syrien.

AUF EINEN BLICK

Umfragen. Lang lagen im Brexit-Wahlkampf die Befürworter und Gegner eines EU-Verbleibs Kopf an Kopf. Seit Anfang Juni führen aber die Austrittsbefürworter knapp die meisten Umfragen an. Laut der Internetplattform what UK thinks lag das Brexit-Lager noch einen Tag vor dem Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox mit 52 Prozent zu 48 Prozent voran. Vor einem Monat führte hingegen das Lager der EU-Befürworter kurzzeitig mit 55 zu 45 Prozent. Letztlich, so betonen britische Wahlforscher, werde es bei einer so knappen Entscheidung vor allem auf die Mobilisierung der jeweiligen Lager ankommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2016)

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