Der gezähmte Linksradikale

Vor drei Jahren hätte er fast die Eurozone gesprengt. Die ökonomische und politische Realität hat aus Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras seither einen braven europäischen Staatsmann gemacht. Als solcher ist er heute ins Europaparlament in Straßburg geladen.

Greek Prime Minister Alexis Tsipras speaks during a news conference at the annual International Trade Fair of the city of Thessaloniki
Greek Prime Minister Alexis Tsipras speaks during a news conference at the annual International Trade Fair of the city of Thessaloniki
REUTERS

Im Sommer 2015 wäre es fast soweit gewesen: Deutschlands damaliger Finanzminister Wolfgang Schäuble hatte die Nase voll von den Hinhaltespielchen der griechischen Regierung in der Frage, wie die hellenische Volkswirtschaft vor dem Staatsbankrott gerettet und auf eine selbsttragende Grundlage gestellt werden solle. Pläne über den Hinauswurf der Griechen aus der Währungsunion kursierten in Berlin und Brüssel. Das Undenkbare schien nun greifbar: der erstmalige Austritt eines Mitgliedes aus der gemeinsamen Wirtschafts- und Währungspolitik.

Es lag an der Verantwortungslosigkeit von Alexis Tsipras, dass es damals fast soweit gekommen wäre, dass die Griechen den Euro gegen eine stark abgewertete und vermutlich auf den Finanzmärkten kaum akzeptierte neue Drachme hätten tauschen müssen. Mit seiner unbedachten Drohung, die harten Reformbedingungen, welche an die Hilfskredite aus Brüssel geknüpft waren, einer Volksabstimmung zu unterziehen, hatte er sich einen unerhörten Affront gegenüber den anderen Eurostaaten geleistet. Kleinlaut, unter dem Druck der Finanzmärkte und seiner Gläubiger, der anderen Regierungen nämlich, ließ er davon ab, die Reformen tatsächlich in den Wind zu schreiben - gegen den Willen von 61 Prozent der Wähler, die gegen die Reformbedingungen gestimmt hatten.

Dieses Einknicken hat den heute 44-Jährigen Chef der linksradikalen Syriza-Partei in den Augen vieler seiner Gesinnungsgenossen zum Verräter gemacht. Nüchternen Auges betrachtet und aus der Distanz von drei Jahren muss man jedoch festhalten: dies war seine Feuerprobe als Staatsmann – und er hat sie bestanden. Wo der eitle und intrigante Finanzminister Yanis Varoufakis es vorzug, effektheischend vor versammelten Fernsehkameras auf dem Motorrad aus seinem Amt und seiner Verantwortung davonzubrausen, biss sich Tsipras durch.

Dafür gebührt ihm Anerkennung. Man muss ihn nicht dafür glorifizieren, dass er die Reformversprechen gegenüber den anderen EU-Staaten unter Murren und mit viel Druck doch noch einhielt. Aber es gehört schon Rückgrat dazu, solche unpopulären Dinge durchzuziehen, statt sich mit einem lukrativen Buchvertrag in der Tasche auf weltumspannender Lesereise anhimmeln zu lassen und in jedes offene Mikrofon hineinzureden, was denn in Wirklichkeit (nein, eher: in der theoretisch besten aller Welten) gemacht werden sollte, wie Varoufakis dies in seiner politischen Bedeutungslosigkeit nun tut.

Vieles liegt im griechischen Staatswesen noch im Argen, und es ist höchst bedenklich, wie die Justiz gegen den früheren Chef der Statistikbehörde, Andreas Georgiou, vorgeht - jenen Mann, der die über Jahre hinweg von linken und rechten Regierungen gefälschten Budgetzahlen richtigstellte und somit erst das Fundament dafür schuf, dass jene Hilfsmilliarden fließen konnten, ohne die Griechenland in den Staatsbankrott getaumelt wäre. Die hellenische Volkswirtschaft hat weiterhin viele strukturelle Schwächen, und kaum ein unabhängiger Beobachter hält die Annahme, das Land könne seinen Schuldenberg aus eigener Kraft bis 2060 abtragen, für wahrheitsnah.

Aber immerhin: vom "Grexit" redet heute niemand mehr. Und wenn Tsipras noch das Husarenstück gelänge, den unseligen Namensstreit mit dem Nachbarn Mazedonien gütlich zu beenden, wäre dies die Pointe einer kaum zu erwartenden Wandlung von ideologischen Radikalen zum moderaten Pragmatiker.

Als solcher ist er heute ins Europaparlament in Straßburg geladen, um über Europas Zukunft zu sprechen. Es könnte sich lohnen, ihm zuzuhören.

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