Ende der Zeitumstellung 2019

Wenn die Regierungen es wünschen, wird nächsten April zum letzten Mal auf Sommerzeit umgestellt. Brüssel will mit diesem Vorschlag Bürgernähe zeigen – vor allem in Deutschland.

Entscheidet sich Österreich für dauerhafte Normalzeit, so würde es im Juni schon knapp vor vier Uhr hell.
Entscheidet sich Österreich für dauerhafte Normalzeit, so würde es im Juni schon knapp vor vier Uhr hell.
Entscheidet sich Österreich für dauerhafte Normalzeit, so würde es im Juni schon knapp vor vier Uhr hell. – REUTERS

Brüssel. „Es gibt keine guten Argumente mehr, die Uhren umzustellen“, sagte die für dieses Dossier zuständige Verkehrskommissarin, Violeta Bulc, im Gespräch mit der „Presse“. Und sie fügte hinzu: „Bis April 2019 müssen die Mitgliedstaaten erklären, ob sie in der Sommer- oder Normalzeit bleiben wollen.“ Im Oktober gäbe es – für jene, die es wollen – die letzte Möglichkeit zum Zeitwechsel.

Seit Jahren bemühen sich einige – vor allem deutsche – Europaabgeordnete darum, die Zeitumstellung abzuschaffen. Sie argumentieren damit, dass die im Zuge der Ölkrise Anfang der 1970er-Jahre geschaffene Sommerzeit, die Energieersparnisse bringen sollte, heutzutage diesen Zweck nicht mehr erfülle. Denn der Stromverbrauch für Beleuchtung sei aufgrund von großen Effizienzsteigerungen stark gesunken.

 

Ball nun bei Österreich

Im Europaparlament, das dieser Änderung der Richtlinie aus dem Jahr 2000 zustimmen muss, gibt es eine breite Mehrheit für die Abschaffung der Zeitumstellung. Einige Mitgliedstaaten sind ebenfalls dafür. Beim informellen Verkehrsministerrat in Graz Ende Oktober werde dieses Thema auf das Tapet kommen. Verkehrsminister Norbert Hofer habe diesbezüglich bereits Einvernehmen mit der Kommission erzielt, sagt Bulc. Es liegt nun am österreichischen Ratsvorsitz, das Dossier voranzubringen.

Theoretisch wäre es möglich, dass zwei Staaten, die in derselben Zeitzone liegen, sich unterschiedlich entscheiden: der eine für Sommer-, der andere für Normalzeit. „Praktisch wäre ich davon aber überrascht“, sagte Bulc. Sie gab zudem zu bedenken, dass die Nachbarstaaten Schweden und Finnland schon jetzt in unterschiedlichen Zeitzonen liegen. Diese Frage der Zugehörigkeit zu Zeitzonen ist übrigens von der vorgeschlagenen Reform nicht betroffen.

Die Kommission wurde zu dieser Vorlage von der überraschend starken Teilnahme an ihrer gegenständlichen Onlinebefragung im Frühling animiert. 4,6 Millionen Bürger nahmen daran teil, 86 Prozent sprachen sich für die Abschaffung der Zeitumstellung aus. Kritiker wenden allerdings ein, dass gut drei Millionen davon aus Deutschland kamen. Insofern sei sie kaum stellvertretend für den Willen aller Europäer. „Das ist normal, Deutschland ist nun einmal der größte Mitgliedstaat“, sagte Bulc auf diesen Einwand angesprochen.

 

Junckers Ohr für die Deutschen

Die Brüsseler Behörde versucht mit dieser Initiative, sich vor den Europawahlen im Mai 2019 als bürgernah zu präsentieren. „Groß in großen Fragen, klein in kleinen“, lautet seit Jahr und Tag das Mantra der Kommission unter ihrem Präsidenten, Jean-Claude Juncker. „Die Europäer reagieren, wenn sie wirklich persönlich betroffen sind“, erklärte Bulc, wieso die Kommission so rasch handelte.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die schnelle Umsetzung des Ergebnisses der Umfrage vorrangig daran lag, dass dieses Thema in Deutschland so virulent ist. So sorgte Juncker für Erstaunen (und Verärgerung), als er Ende August im ZDF ankündigte, dass die Kommission das Ende der Zeitumstellung vorschlagen werde – noch bevor er das Ergebnis der Umfrage mit dem Kollegium seiner Kommissare besprochen hatte: „Millionen haben geantwortet und sind der Auffassung, dass die Sommerzeit in Zukunft für alle Zeit gelten soll. So wird das auch kommen. Die Menschen wollen das, wir machen das“, sagte er damals.

Ob jedoch ewige Sommerzeit für Deutsche und Österreicher ein Segen ist, bleibt fraglich. Diesfalls würde es nämlich im Winter noch später hell als bisher. In Wien würde am 21. Dezember, dem kürzesten Tag des Jahres, erst um 8.43 Uhr die Sonne aufgehen, in Bregenz um 9.06 Uhr. Entscheidet sich Österreich hingegen für dauerhafte Normalzeit, so würde es im Juni schon knapp vor vier Uhr hell. Schlafforscher plädieren entgegen Junckers Präferenz dafür, die Sommerzeit abzuschaffen. Die Normalzeit entspreche wesentlich besser der inneren Uhr, argumentierte die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin.

ZUR PERSON

Violeta Bulc ist die zuständige EU-Kommissarin, die das Ende der Zeitumstellung abwickeln muss. Die Elektrotechnikerin war einst Sportlerin und spielte in der jugoslawischen Basketballmannschaft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2018)

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