Die Mär vom EU-Angriff auf YouTube

In den europäischen Kinderzimmern geht die Angst um: Will die EU-Kommission YouTube verbieten? Hintergrund ist die geplante Reform des Urheberrechts, gegen die der US-Internetkonzern eine beispiellose Lobbying-Kampagne gestartet hat.

YouTube Star Bianca Heinicke bekannt als Bibis Beauty Palace
YouTube Star Bianca Heinicke bekannt als Bibis Beauty Palace
YouTube Star Bianca Heinicke bekannt als Bibis Beauty Palace – imago/Horst Galuschka

Der Schock ist echt. „YouTube wird gelöscht“, sagt der Zwölfjährige und klingt so verzweifelt, als hätte jemand das Wi-Fi für immer abgedreht. Für einen Zwölfjährigen ist YouTube ein Synonym für das Internet, da ist alles zu finden, was man braucht, vor allem die YouTuber, die lustig sind, schlau und die beste Musik spielen. Die wird es alle nicht mehr geben: Das behaupten die beiden 22-jährigen deutschen Studenten Simon Difabachew und Felix Härlen, die ein Video mit dem Titel „Warum es YouTube nächstes Jahr nicht mehr gibt“ veröffentlicht haben. Dieses Filmchen wurde bereits mehr als drei Millionen Mal angeschaut, und es sorgt derzeit für breites Entsetzen in deutschsprachigen Kinderzimmern.

 

„Unsere Freiheit genommen“

Unter Verweis auf die geplante EU-Urheberrechtsrichtlinie, die derzeit zwischen dem Europaparlament und den nationalen Regierungen verhandelt wird, stellen die beiden YouTuber einige fragwürdige Behauptungen auf. Etwa diese: „Bevor es YouTube und das Internet gab, konnten Menschen nicht so einfach ihre eigene Meinung in der Öffentlichkeit verbreiten.“ Oder diese: „Wenn wir wieder dahin zurückgehen, dann wird Meinung wieder wie früher nur von einzelnen Mächtigen gemacht.“ Sie schließen mit einem schrillen Alarmruf: „Dann würde uns unsere Freiheit genommen.“

Der Wahrheitsgehalt dieser Aussagen ist gering, ihre Wirkmacht in den sozialen Medien hingegen groß: Dort schäumt der Zorn jugendlicher Nutzer aufgrund des angeblichen Angriffs der EU auf YouTube im Besonderen und das Internet im Allgemeinen über. Das ist für die Vertreter der EU-Institutionen ein halbes Jahr vor der Europawahl im Mai 2019 kein erquickliches Szenario. Denn dieses Mal möchte man gezielt die jüngsten EU-Bürger dazu anspornen, vom ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Das Europaparlament hat eine Kampagne unter dem Schlagwort „This time I'm voting“ lanciert, die sich gezielt an die Jugend richtet.

Der Artikel 13

Die Faktenlage ist nüchtern umrissen: Artikel 13 der erwähnten Richtlinie, mit der das Urheberrecht in Europa an die digitalen Verhältnisse angepasst werden soll, sieht vor, dass sich Plattformen wie YouTube, Facebook oder Twitter Lizenzen von Rechteinhabern sichern müssen und für Urheberrechtsverletzungen von Nutzern haften. Sprich: Wenn beispielsweise Video-Blogger ihre Filmchen mit Liedern unterlegen, müssen die Rechte an diesen legal erworben sein. Das soll gewährleisten, dass Musiker, Autoren und Filmemacher an den im Internet generierten Profiten beteiligt werden. Videos, die ohne Fremdmaterial auskommen (etwa Kochtipps oder Bastelanleitungen), sind nicht betroffen. „Bei Artikel 13 geht es nur darum, dass die Gebote, die es jetzt schon gibt, tatsächlich eingehalten werden“, sagte eine Sprecherin des österreichischen Ratsvorsitzes, in dessen Verantwortung die Verhandlungen mit dem Parlament liegen, zur „Presse“.

Diese neue Pflicht, schon vor Veröffentlichung die Wahrung der Urheberrechte zu gewährleisten, ist den Internetkonzernen ein Dorn im Auge. Denn sie macht den Kern ihres Geschäftsmodells mühsamer, Onlinewerbung neben kostenlosen Inhalten zu verkaufen.

Hier liegt der Ursprung der Empörungswelle. Vor zwei Wochen warnte Susan Wojcicki, die Vorstandschefin des zum Google-Konzern gehörenden YouTube, in einer an die User gerichteten Botschaft davor, Artikel 13 bedrohe „die Möglichkeit von Millionen Menschen, Inhalte auf Plattformen hochzuladen.“ Hunderttausende Arbeitsplätze seien gefährdet, nur mehr „eine kleine Anzahl großer Konzerne“ würde online publizieren können.

„Das ist Unfug“

Diese Behauptungen dürften zahlreiche YouTuber veranlasst haben, ihre Kanäle aus Protest oder Vorsicht zu schließen: Auch das füttert den Ärger in den Kinderzimmern. Brüssel hat für die Vorwürfe wenig Geduld: „Wer auch immer diesen Gesetzgebungsprozess zum Anlass nimmt, um das Argument vorzubringen, die EU wolle das Internet zerstören: Das ist Unfug“, sagte der Sprecher von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am Dienstag.


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