Ungleiches Rennen um die EU-Spitze

In Helsinki entscheiden heute die Parteichefs der Europäischen Volkspartei über ihren Spitzenkandidaten und den möglichen nächsten EU-Kommissionspräsidenten.

Alexander Stubb und Manfred Weber zum Auftakt des EVP-Treffens in Helsinki. Der Finne verbreitete das Selfie auf Twitter.
Alexander Stubb und Manfred Weber zum Auftakt des EVP-Treffens in Helsinki. Der Finne verbreitete das Selfie auf Twitter.
Alexander Stubb und Manfred Weber zum Auftakt des EVP-Treffens in Helsinki. Der Finne verbreitete das Selfie auf Twitter. – (c) Twitter/@alexstubb

Helsinki/Wien. Es ist eine Richtungsentscheidung – nicht nur für die Europäische Volkspartei (EVP), sondern auch für die gesamte EU. Wenn die Parteichefs der europäischen Christdemokraten am Donnerstag ihren Spitzenkandidaten für die Europawahl im kommenden Mai in geheimer Abstimmung bestellen, bestimmen sie voraussichtlich auch jene Person, die Jean-Claude Juncker als Kommissionspräsident nachfolgen wird.

Sie wählen zwischen zwei politischen Welten, jener des stabilitätsorientierten konservativen bayrischen Sachpolitikers Manfred Weber und jener des auf einen liberalen Umbruch abzielenden ehemaligen finnischen Ministerpräsidenten Alexander Stubb.

 

Manfred Weber

Der bayrische CSU-Politiker gilt als Favorit für das Rennen. Der aus dem niederbayrischen Wildenberg stammende 46-Jährige ist ein gewiefter Netzwerker und Stratege. Er hat sich auf diese Rennen mit einer Unzahl an Kontakten vorbereitet. Die meisten Regierungschefs der Parteienfamilie – unter ihnen auch Sebastian Kurz – haben ihm bereits die Unterstützung zugesagt. Weber gilt als verlässlicher Sachpolitiker mit Handschlagqualität. In seiner Partei, die nach wie vor den politischen Machismo pflegt, wurde der ausgebildete Physiker lang belächelt. Er war zwar in der Hierarchie der Christlichsozialen stetig nach oben geklettert, seinen Durchbruch schaffte er aber erst ab 2004 im Europaparlament. Dort entwickelte er sich zum liberalen Konservativen, dem es als Fraktionschef der EVP-Abgeordneten gelang, konstruktive Kompromisse zu schmieden. Das Bashing von Merkel und Brüssel in der Flüchtlingskrise vonseiten Seehofers und Söders hat er nie unterstützt. Zu seinem ungarischen Parteifreund Viktor Orbán ging er freilich nur zögerlich auf Distanz. Weber positionierte sich in der Mitte. Das brachte ihm auch die Unterstützung der deutschen Kanzlerin für seine Kandidatur ein.

Manfred Weber schillert nicht. Wenn er Europa erklärt, wird seine Stimme sanft und geduldig. Das über Twitter verbreitete Bewerbungsvideo zeigt ihn bodenständig – daheim mit seiner Gitarre, im Wirtshaus und beim Laufen im Wald. Längst hat er darüber nachgedacht, wie er den Wahlkampf anlegen wird. Es soll klare Orientierungen wie ein kategorisches Nein zum türkischen EU-Beitritt und ein Ja zu einem starken Außengrenzschutz geben.

 

Alexander Stubb

Der Finne präsentiert sich gern als der juvenilere Kandidat und ist doch vier Jahre älter als Weber: Der 50-jährige Alexander Stubb wirbt mit dem Slogan „Die nächste Generation Europas“ für seine Wahl zum EVP-Spitzenkandidaten. Auf den offiziellen Bildern für seine Bewerbung gleicht Stubb eher einem Leistungssportler denn einem Politiker – und das nicht von ungefähr. Immerhin ist der zweifache Familienvater Hobbytriathlet.

Doch auch seine politische Karriere ist spektakulärer als jene Webers. Stubb hatte mehrere Ministerämter, darunter das Finanzministerium, inne und war ab Mitte 2014 ein knappes Jahr lang finnischer Ministerpräsident. Auch auf europäischer Bühne hat Stubb Erfahrungen gesammelt, saß er doch ab 2004 vier Jahre lang als Abgeordneter im Europaparlament und galt dort in jener Zeit als aufsteigender Stern am europäischen Polithimmel.

Der Finne gilt als extrem ehrgeizig und verfolgt sein Ziel zur Spitzenkandidatur trotz der klaren Außenseiterrolle mit großem Elan. Sich selbst bezeichnet er als „Bücherwurm“ und sportbegeistert; Stubb ist aber auch enthusiastischer Nutzer sozialer Medien. Auf Twitter und Facebook ist er ebenso dauerpräsent wie auf Instagram – und das seit vielen Jahren. Regelmäßig gibt er dort Einblicke in seine Arbeit und verrät auch Persönliches; etwa seine Lieblingsserien auf Netflix. Kürzlich postete der Finne frühmorgens ein Bild vom Flughafen Lissabon, im Vordergrund Obstsalat, Orangensaft und ein Pain au chocolat. „Diese Vier-Stunden-Nächte sind nicht meine Sache“ steht darunter – ein kurzer Moment der Schwäche?

Für den liberaleren der beiden Kandidaten ist der Kampf gegen populistische Regierungen in Italien, Polen oder Ungarn Hauptgrund für seine Bewerbung. Stubb markiert damit einen Gegenpol zu Weber, der mit Kritik an Ungarns Ministerpräsident, Viktor Orbán, bisher vergleichsweise zurückhaltend war.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2018)

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