Der BRENNER, ein Wahrzeichen der Öffnung

Nord-Süd-Achse. Schon im Mittelalter war die Verbindung zwischen Zillertaler und Stubaier Alpen der meistpassierte Alpenpass. Seine Bedeutung steigerte sich zunehmend, doch heute drohen die Grenzbalken wieder zu sinken.

(c) REUTERS (DOMINIC EBENBICHLER)

Es gibt kein Innen ohne ein Außen – diese Regel gilt für Phänomene jeglicher Größenordnung, von Molekülen bis zu Planeten. Erst eine klare Abgrenzung ermöglicht es, Dinge beim Namen zu nennen. Eine besondere Bedeutung hat diese Maxime im Fall von Staaten. Der Brite Benedict Anderson, ein Doyen der Politikwissenschaften, definierte den Staat bekanntlich als „imaginierte Gemeinschaft“. Dieser imaginäre Kitt aus Traditionen, Überlieferungen, Vorurteilen, Legenden, Idiomen und Konventionen ist demnach das fundamentale Unterscheidungsmerkmal zwischen Gruppen. Dort, wo sich mehrere imaginierte Gemeinschaften herauskristallisiert haben, sind räumliche Demarkationslinien zwischen den Weltanschauungen die logische Konsequenz.

 

Grenzen und Grenzbalken

Doch wo es Grenzen gibt, gibt es auch Grenzbalken – sprich Öffnungen. Denn wie jede Membran muss die Außenhaut eines Staates an manchen Stellen durchlässig sein, um die Zufuhr von Frischzellen zu ermöglichen. Und in manchen Fällen wird die Öffnung in der staatlichen Membran zu einem Alleinstellungsmerkmal. In Ostberlin war das beim Checkpoint Charlie der Fall, in Südkorea trifft es nach wie vor auf Panmunjeom zu. Und in Österreich ist es der Brennerpass.

Wobei die Geschichte des Brenners weiter zurückreicht. Denn schon für die alten Römer war der Pass, der die Stubaier Alpen mit den Zillertaler Alpen verbindet, ein Dreh- und Angelpunkt ihres Reichs. Die befestigte Straße, die im 3. Jahrhundert nach Christus angelegt wurde, verband Verona mit Veldidena, dem heutigen Innsbruck, und war eine wichtige Nord-Süd-Route. Die Bedeutung des Brenners nahm im Lauf der Jahrhunderte zu. Im Mittelalter war der in 1370 Metern Höhe gelegene Übergang der meistpassierte Alpenpass. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation war auch deshalb keine Schimäre, weil es diese Verbindung zwischen Rom und Deutschland, dem Sacrum und dem Profanum, gegeben hatte.

Manchmal war es auch genau umgekehrt: Wäre König Heinrich IV. nicht durch widerspenstige Fürsten an der direkten Reise nach Süden gehindert worden, hätte er nicht den mühsamen Weg über Burgund nehmen müssen, um Papst Gregor VII. auf der Burg Canossa zu besuchen – und dann hätte die Nachwelt keinen Canossagang überliefert bekommen. Viel leichter hatte es da schon Johann Wolfgang von Goethe, der den Brennerpass auf seiner berühmten Italienreise passierte.

Die Moderne kam auf dem Brenner im Jahr 1867 an, als die erste Bahnstrecke über den Alpenhauptkamm eröffnet wurde. Nur fünf Jahrzehnte später war das Verbindende zum Trennenden geworden: Nach seiner Niederlage im Ersten Weltkrieg musste Österreich Südtirol an Italien abtreten, auf dem Brenner gingen die Grenzbalken nieder.

Doch glücklicherweise nicht lang. In den Wirtschaftswunderjahren der Nachkriegszeit wurde der Brenner zu dem Ort, an dem Träume vom ersehnten Urlaub im Süden wahr wurden – sofern die Grenzbeamten und Zöllner keinen schlechten Tag hatten. Wer den Pass Richtung Süden überquerte und sich in die lange Kolonne der VW-Käfer und Puch 500 einreihte, konnte endlich „Lasciatemi cantare!“ anstimmen – und die nächste Autogrill-Filiale ansteuern, um sich den lang ersehnten Caffè zu gönnen. Deutlich vereinfacht wurde die Sache durch den Bau der Europabrücke, die 1963 für den Verkehr freigegeben wurde. Der Bau der höchsten Brücke Österreichs dauerte sechs Jahre.

Heute ist die Autobahn, die über die Europabrücke und den Brenner führt, eine der meistbefahrenen Nord-Süd-Achsen – und das hat zu einem nicht unbeträchtlichen Anteil mit der Namensgeberin der Brücke zu tun. Der Beitritt Österreichs zur EU und zur Schengenzone machte Grenzkontrollen überflüssig, verflüssigte den Verkehr – und eröffnete die Möglichkeit, neue Verbindungen zwischen den Nachbarn auf beiden Seiten des Passes zu knüpfen. Der Brenner ist somit der Ort, an dem eine neue imaginierte Gemeinschaft entstehen könnte – sofern die Grenzbalken nicht wieder sinken. Denn im Zuge der Migrationskrise hat die Bedeutung von Grenzübergängen zugenommen. Derzeit ist der Druck gesunken, doch das Thema könnte wieder virulent werden – und dann wird sich zeigen, wie stark die europäischen Bande sind, die Nord und Süd, Ost und West zusammenhalten.

Neben dem Druck von außen ist der Brenner aber auch aus einem anderen Grund ein Brennpunkt – seine Kapazitäten als Transportverbindung zwischen Italien und dem Rest Europas sind nahezu ausgeschöpft. Der Brenner-Basistunnel soll Abhilfe schaffen; und wenn er erst einmal eröffnet ist, wird Österreich ein neues Wahrzeichen haben.

Auf einen Blick

Der Brenner wurde im 3. Jahrhundert nach Christus angelegt und war schon damals eine wichtige Nord-Süd-Route. Im Mittelalter avancierte er gar zum meistpassierten Alpenpass. Während nach dem Ersten Weltkrieg die Grenzbalken auf dem Brenner temporär niedergingen, macht die Mitgliedschaft Österreichs im Schengenraum Grenzkontrollen überflüssig – theoretisch: Denn mit der Migrationskrise nahm die Bedeutung der Grenze wieder zu.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2018)

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