Uni-Krise: Europa verliert an Boden

Budgetkürzungen von bis zu 48 Prozent, Umstellungen auf eine Privatfinanzierung, die es (noch) nicht gibt. Während andere Kontinente investieren, schlittert die höhere Ausbildung in Europa in die Krise.

UniKrise Europa verliert Boden
UniKrise Europa verliert Boden
(c) Clemens Fabry

Wien/Brüssel. In den vergangenen beiden Jahren hat sich die Lage an zahlreichen europäischen Universitäten dramatisch verschlechtert. Budgetkürzungen, Umstrukturierungen und die Suche nach neuen Geldgebern haben in den meisten Ländern Wunden im Hochschulsystem aufgerissen. Von einer Heilung kann noch keine Rede sein.

Österreich ist dabei keine Ausnahme. Es investiert zwar mehr als viele andere Länder in höhere Ausbildung, doch nicht so viel wie angekündigt. Die Umstellung auf private Geldgeber stockt auch hier. Das geht aus einem Bericht der European University Association (EUA) mit Sitz in Brüssel hervor, der sich mit den Auswirkungen der Krise auf die höhere Ausbildung beschäftigt.

„In vielen Ländern wird die Zahl der Ausbildungsplätze reduziert, einzelne Fächer werden nicht mehr angeboten“, fasst EUA-Experte Thomas Estermann im Gespräch mit der „Presse“ die Auswirkungen der Krise zusammen. Er sieht die Gefahr, dass Europa an Wettbewerbsfähigkeit einbüßt. Bei den Ausgaben für die Hochschulen liegt Europa mit 1,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) derzeit zwar noch gleichauf mit Japan, bleibt jedoch deutlich hinter den Vereinigten Staaten oder Kanada zurück.

China hat zuletzt eine neue Bildungsoffensive gestartet und wird die Finanzierung verdoppeln. Die sogenannte tertiäre Ausbildung boomt. Die Zahl der chinesischen Studenten hat sich zwischen 2000 und 2008 von 7,4 auf 26,7 Millionen fast verdreifacht. In Europa steigen die Studentenzahlen dagegen nur moderat. Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, dass bis 2020 40 Prozent der Jugendlichen einen Hochschulabschluss erreichen. Derzeit sind es 34 Prozent. Estermann kritisiert aber die Kluft zwischen politischen Ankündigungen und der Realität. Denn viele europäische Regierungen haben angekündigt, in Bildung und Forschung trotz Krise zu investieren, jetzt wird aber gekürzt.

 

Lehrbetrieb leidet am stärksten

Laut dem EUA-Bericht regiert quer durch Europa der Sparstift. Spitzenreiter bei den Kürzungen ist Lettland mit Einschnitten in das Uni-Budget von 48 Prozent vor Großbritannien mit einem Minus von 40 Prozent, Griechenland mit 30 Prozent und Italien mit 20 Prozent. Die Kürzungen beziehen sich freilich auf sehr unterschiedliche Zeiträume. Wobei meist die Ausbildung stärker betroffen ist als die Forschung. Hier gibt es durch Partnerschaften mit der Wirtschaft zumindest in einigen Sparten noch bessere Bedingungen.

Ein Sonderfall ist Großbritannien, das die Finanzierung der tertiären Ausbildung zum Großteil auf private Financiers umgestellt hat. Auch die Studiengebühren wurden drastisch erhöht. Aber angesichts der instabilen Wirtschaftslage greift diese Reform (noch) nicht. Für den Unterricht stehen auf der Britischen Insel immer weniger Mittel zur Verfügung. Das Budget für die Lehrenden musste zuletzt bei einigen Unis um bis zu 79 Prozent gekürzt werden. „Natürlich hat das ernste langfristige Konsequenzen“, heißt es im EUA-Bericht.

Estermann sieht freilich nicht in der Umstrukturierung der Universitätsfinanzierung das Problem, sondern in der Kombination mit der aktuellen wirtschaftlichen Lage. Es gebe durch die Verunsicherung keine langfristigen Mittelzusagen. Das sei für einen Sektor, der langfristig planen muss, aber problematisch.

 

Trend zu Studiengebühren

Der Uni-Experte rechnet damit, dass der Trend zu privater Finanzierung und zu Studiengebühren in Europa anhalten werde. Derzeit kommen in Europa 75 Prozent der Finanzierung für die höhere Ausbildung (Universitäten etc.) noch von der öffentlichen Hand.

Freilich haben nicht alle Staaten in der Krise den Sparstift angesetzt. Deutschland und Frankreich investieren deutlich mehr als bisher in ihre höheren Ausbildungsstätten. Frankreich hat im vergangenen Jahr elf Milliarden Euro mehr für die Ausbildung und acht Milliarden zusätzlich für Forschungsprojekte bereitgestellt. Deutschland, das zuletzt wegen seiner Hochschulpolitik kritisiert wurde, erhöht die Finanzierung um 800 Millionen. Die Länder werden zusätzlich 2,7 Milliarden zwischen 2012 und 2015 in eine „Excellence-Initiative“ investieren. Und auch das krisengeschüttelte Portugal hat zuletzt mehr Geld für seine Universitäten aufgetrieben.



("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2011)

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