Das Rätsel Alice Weidel

Die AfD-Spitzenkandidatin soll eine syrische Asylwerberin schwarz beschäftigt haben. Der nächste kleine Eklat um eine Ökonomin, die sich schwer deuten lässt.

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(c) imago/IPON (Stefan Boness/Ipon)

Alice Weidel soll also eine syrische Asylwerberin ihre Wohnung putzen haben lassen in der Schweiz, wo sie mit ihrer Partnerin, einer aus Sri Lanka stammenden Filmemacherin, wohnt und zwei Kinder groß zieht. Weidels Anwalt hat inzwischen zwar bestätigt, dass die AfD-Spitzenkandidatin mit einer Syrerin befreundet und diese auch bei ihr Zuhause war. Aber Schwarzarbeit habe es nicht gegeben. Gut möglich, dass einen Teil der AfD-Anhänger aber ohnehin der enge Kontakt mit der Syrerin stärker irritiert.

Als die Frau im Hosenanzug auf dem Parteitag in Köln zur Co-Spitzenkandidatin erkoren wurde, galt Weidel als das "wirtschaftsliberale Feigenblatt“ der AfD. Die Ökonomin von Welt hatte schon für Goldman Sachs gearbeitet und sechs Jahre in China gelebt. Alles deutete in Köln auf eine Aufgabenteilung hin: Co-Spitzenkandidat Alexander Gauland bedient im Wahlkampf die rechtere Klientel, Weidel den wirtschaftsliberalen Flügel, den die Euro-Krise zur AfD gebracht hat. Weidel opponierte gegen Björn Höcke, den Rechtsaußen, Gauland beschützte ihn. Weidel selbst schilderte das einmal so: Sie stehe für das „freiheitlich-konservative Lager“, während Gauland "zweifelsohne eher konservativ aufgestellt" sei.

Aber so einfach ist das nicht: Inzwischen redet Weidel vom „Schuldkult“, sie will Merkel vor Gericht stellen und sie will nicht, "dass der öffentliche Raum mit betenden Muslimen zugepflastert" werde. Die „ultraliberale“ Ökonomin, als die sie nach dem Parteitag in Köln 2017 zuweilen porträtiert wurde, hört man ihr nicht mehr an. Vielleicht war sie es damals schon nicht. In einem Gastbeitrag für die Junge Freiheit hatte Weidel 2016 geschrieben, es dürfe "keine prinzipielle Religionsfreiheit" für den Islam geben, weil es ein "vollständiger Lebens- und Gesellschaftsentwurf" sei.

Nun sagt sie im Wahlkampf: „Millionen von Muslimen, für die Homosexualität ein Verbrechen ist, wandern derzeit illegal nach Deutschland ein und bedrohen unsere Freiheit." Doch das AfD-Programm passt kaum zu Weidels Lebensentwurf. Darin sieht sich die Partei allein als Anwalt der „traditionellen Familie als Leitbild“. In einer Familie sorgten „Mutter und Vater in dauerhafter gemeinsamer Verantwortung für ihre Kinder“. Das verträgt sich kaum mit Weidels Regenbogenfamilie im Schweizer Biel.

Die 38-Jährige bleibt ein Rätsel. Dann platzte auch noch eine E-Mail in diesen Wahlkampf, die Weidel angeblich 2013 verfasst hat. Sie enthält Sätze wie: "Der Grund, warum wir von kulturfremden Völkern wie Arabern, Sinti und Roma etc. überschwemmt werden, ist die systematische Zerstörung der bürgerlichen Gesellschaft als mögliches Gegengewicht von Verfassungsfeinden, von denen wir regiert werden." Das Schreiben stammt aus einer Zeit, als sich Weidel für den AfD-Vorläufer Wahlalternative 2013 zu engagieren begann. Die 38-Jährige nennt das Mail eine „Fälschung“, Gauland spricht vom „Versuch, das schöne Gesicht von Alice Weidel zu zerkratzen.“ Der Text passt auch nicht zu Weidels Rhetorik. „Der Welt am Sonntag“ liegen aber nach eigenen Angaben eidesstaatliche Versicherungen vor, die Weidels Urheberschaft bestätigen.

Die jüngste Geschichte mit der Schwarzarbeit schlägt sich indes mit der Tonalität des Mails. Nach Angaben der „Zeit“ hatte Weidel, Spitzname Lille, zunächst eine Studentin der Islamwissenschaften schwarz beschäftigt. Danach soll die Wohnung eine Asylwerberin aus Syrien geputzt haben. Den Lohn, schreibt die „Zeit“, habe Weidel den Frauen bar bezahlt, 25 Franken pro Stunde, ein für Schweizer Verhältnisse üblicher Preis. Weidels Anwalt bestreitet das alles.

Post aus Berlin

Jürgen StreihammerBerlin Korrespondent Jürgen Streihammer schreibt in der Rubrik "Post aus Berlin" täglich aus der deutschen Hauptstadt. Aktuelles, Spannendes, Informatives - manchmal auch mit einem kleinen Augenzwinkern.

 

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