CDU/CSU: Der Anfang vom Ende der Ära Merkel

Angela Merkels Union gewinnt die Wahl. Aber ihre Macht bröckelt. Es macht sich Unmut breit in der Partei.

Angela Merkel im Konrad-Adenauer-Haus: Die Kanzlerin feierte den vierten Wahlerfolg in Folge.
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Angela Merkel im Konrad-Adenauer-Haus: Die Kanzlerin feierte den vierten Wahlerfolg in Folge.
Angela Merkel im Konrad-Adenauer-Haus: Die Kanzlerin feierte den vierten Wahlerfolg in Folge. – (c) APA/AFP/ODD ANDERSEN

Der Balken der Union auf der Leinwand stoppt in der Nähe des schlechtesten Ergebnisses seit 1949. Die Anhänger der Jungen Union im Atrium des Konrad-Adenauer-Hauses klatschen und grölen. „Voll muttiviert“ steht auf ihren CDU-T-Shirts. Ein weißhaariger Mann taucht oben auf der Leinwand auf. Er sieht nicht glücklich aus. Er spricht von einer „herben Enttäuschung“. Der Mann ist Horst Seehofer. Junge Unionisten klatschen und grölen. Man ist ja im Fernsehen. Ein paar Meter weiter im Festzelt klatscht bei den Hochrechnungen niemand. Wirklich niemand. Blick in die Runde: Ein schneller verlegener Schluck aus dem Bierglas da, ein leises „Scheiße“ dort.

Ein blasser Wohlfühlwahlkampf mit dem Slogan „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ reichte zwar für Platz eins, für eine vierte Amtszeit Angela Merkels. Aber „gut und gerne leben“ kann mit diesen herben Verlusten hier kaum jemand. Während die SPD zu großen Gefühlen in allen Variationen neigt, ist die Stimmung in der Union etwas gedämpfter. Es herrscht Disziplin. Im Wahlkampf. Aber an diesem Abend sprechen erste CDU-Anhänger ziemlich freimütig über eine Zukunft der Union ohne Merkel, vielleicht in vier Jahren, vielleicht vorher. „Bei aller Hochachtung für Frau Merkel“, sagt ein 48-jähriges CDU-Mitglied aus Berlin. „Es kann da durchaus in den nächsten vier Jahren einen Wechsel geben.“

Die jungen Unionisten schreien jetzt „Anschie, Anschie!“ Die Kanzlerin kommt. Sie setzt ein fast mädchenhaftes Lächeln auf. Alles nicht so schlimm: Das wird ihre Botschaft sein. Man habe ja die „strategischen Ziele“ erreicht. Ohne die Union ist keine Regierung möglich. Merkel formuliert jetzt einen Satz, der unfreiwillig komisch klingt: Platz eins sei „nach zwölf Jahren Regierungsverantwortung der Union alles andere als selbstverständlich.“ Neben ihr steht die CDU-Führung. So richtig zufrieden sieht auf der Bühne niemand aus, mit Ausnahme von Jens Spahn, der links hinten steht. Der CDU-Finanzstaatssekretär zählt zum jungen konservativen Flügel, der nun an Gewicht gewinnen wird. Seehofer monierte bereits am Wahlabend die „offene rechte Flanke“. Es könnte ruppig werden. Der Bayer hat Landtagswahlen 2018. „Das war ein Antwort auf die Flüchtlingspolitik“, sagt Wolfgang Rußkamp aus Herford, nach wie vor Merkel-Fan.

Kein großes Zukunftsprojekt

Denn der Protest gegen Merkels inzwischen korrigierte Flüchtlingspolitik sammelte sich rechts der Mitte. Er deutete sich in oft organisierten Trillerpfeifkonzerten an. Die AfD saugte diese Stimmung auf. Christian Lindner platzierte seine FDP in der Flüchtlingspolitik geschickt zwischen Union und AfD. Spätestens nach dem streichelweichen TV-Duell schrumpften die Werte sowohl von Union als auch von SPD in den Umfragen.

Mit ihrer dritten Wiederwahl ist Merkel endgültig in einer Liga mit CDU-Übervater Konrad Adenauer und ihrem politischen Ziehvater, Helmut Kohl. Keiner der beiden gab die Macht freiwillig auf. Beide haben sie am Ende verloren. Merkel wollte dagegen immer aus freien Stücken ihren Abschied von der Politik nehmen. Doch es fehlt noch eines: ihr großes Vermächtnis für die Nachwelt. Für Adenauer war es die Westbindung, für Kohl die Wiedervereinigung. Die protestantische Pragmatikerin, die Deutschland und Europa durch die Finanz- und die Eurokrise navigiert hat, hat kein großes Zukunftsprojekt, das mit ihrem Namen verbunden ist.

Schwierige vierte Amtszeit

Vor ihrer letzten Kandidatur, so sagte sie, habe sie „unendlich lang“ mit sich gerungen. Es klang nicht danach, als wollte sie noch ewig weiterregieren. Aber Merkel legt sich ungern fest. Als Seehofer in Bayern zwischenzeitlich einmal seinen Rücktritt in Aussicht stellte, brachen Diadochenkämpfe aus. Seehofers Macht schwand. „Ich mache keine Zeitangaben mehr“, sagt der CSU-Chef heute. Merkel hat das genau beobachtet. Seit dem Wahlabend klebt nun aber womöglich doch ein Etikett mit Ablaufdatum an ihrer Kanzlerschaft. Die Medien werden wohl bald über Nachfolgekandidaten spekulieren, und die Anwärter werden sich in Stellung bringen. Merkels vierte Amtszeit wird schwierig.

Post aus Berlin

Jürgen StreihammerBerlin Korrespondent Jürgen Streihammer schreibt in der Rubrik "Post aus Berlin" täglich aus der deutschen Hauptstadt. Aktuelles, Spannendes, Informatives - manchmal auch mit einem kleinen Augenzwinkern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2017)

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