Sektenführer Moon: Von Jesus-Erscheinung zum Milliardär

Mit 92 Jahren verstarb der Koreaner Sun Myung Moon. Seine "Vereinigungskirche" wurde durch Massenhochzeiten bekannt und er steinreich. Seit Jahren laufen seiner Sekte allerdings die Schäfchen davon.

(c) REUTERS (LEE JAE-WON)

Er fiel auf durch seine so spektakulären wie umstrittenen Massenhochzeiten – und durch seinen Geschäftssinn, der Sun Myung Moon zum Milliardär machte. Vielen war nicht klar, ob der Gründer der christlich verbrämten „Vereinigungskirche“ ein Messias oder Massenverführer sei. Nun ist der 92-jährige Koreaner tot – und vielleicht in das so oft von ihm verheißene Paradies gegangen.

Standesgemäß verkündete die auch „Moon-Sekte“ genannte Gemeinschaft den Tod ihres Gurus durch ihre Zeitung, die von Moon gegründete „Washington Times“. In der Nacht auf Montag sei der „Wahre Vater“, wie er sich von seiner 1954 gegründeten Gemeinschaft verehren ließ, infolge einer Lungenentzündung gestorben – freilich weniger spektakulär, als der selbst ernannte Messias lebte, im kleinen Kreis seines Gefolges, und ohne die für ihn einst typische globale TV-Übertragung.

 

Radikaler Antikommunist

In seinen großen Zeiten verheiratete Moon in Stadien und per Satellit auf Massenhochzeiten tausende Menschen miteinander, die einander sehr oft zuvor nie begegnet waren. Wie lange diese in Smoking und weißem Brautkleid nach den „Blessings“ (Segnungen) geschlossenen Ehen hielten, blieb meist Sektengeheimnis. Mit den Heiratsshows wollte der Egozentriker möglicherweise Aufmerksamkeit für seine politische Mission erregen: Der 1920 im heutigen Nordkorea geborene Moon galt selbst im extrem antikommunistisch gesinnten Südkorea als konservativer Falke, und die „Washington Times“, herausgegeben seit 1982, war als rechte Alternative zur berühmten „Washington Post“ gedacht.

„Er glaubte an die Notwendigkeit einer kräftigen, freien Presse, um akkurate Informationen und moralische Werte an die Menschen einer freien Welt zu vermitteln“, rechtfertigt Zeitungschef Thomas McDevitt die knallig-rechte Boulevardzeitung. Moon lebte lange in den USA und wirkte dort als Förderer der Republikaner.

In Deutschland war er lange nicht wohlgelitten, 1995 bis 2006 waren er und seine Frau mit Einreiseverbot belegt, seine Kirche galt für das Innenministerium als gefährliche Jugendsekte. Das Verfassungsgericht kippte diese Entscheidung zwar, aber da war der Zauber der Sekte schon fast vorbei, auch wenn sie behauptet, weltweit noch drei Millionen Gläubige zu vereinen, davon 500.000 in Japan.

 

Ein Heer von Missionaren

Wegen umstrittener Anwerbeaktionen und zweifelhaften Geschäftsgebarens, vor allem aber wegen des Ziels der Sekte (das Wort lehnt sie ab) wurde sie von allen christlichen Kreisen verteufelt: Moon begründete seinen Eifer nämlich mit einer Jesus-Erscheinung als 16-Jähriger, bei der ihm die Erleuchtung gekommen sei, wonach er die „unvollendete Mission“ Christi zum Erfolg führen werde.

Dafür gewann er mithilfe eines Heeres von Missionaren vor allem in den 1970ern hunderttausende meist junge Fans in den USA, Japan und Europa, diese „Moonies“ füllten durch unbezahlte Verkaufs-, Sammel- und Bettelaktionen die Kirchenkasse.

Früher wohl der bekannteste Südkoreaner, ist Moon heute selbst in seiner Heimat vielen jungen Leuten unbekannt. Seit Ende der 1980er gab es einen starken Mitgliederschwund, vor allem in Europa und den USA, dort wurde Moon 1982 wegen Steuervergehen zu 18 Monaten Haft verurteilt. Seine Sekte litt auch schwer unter erschütternden Berichten von einstigen Mitgliedern über die Isolation in religiösen Ausbildungszentren der Gemeinschaft. Moon hatte seine spirituelle Macht überschätzt. „In der geistigen Welt wurde Sun Myung Moon als Sieger des Universums und Herr der Schöpfung anerkannt“, steht in seinem Lebenslauf. Aber das groteske Sammelsurium von extrem antikommunistischen, teils rassistisch-faschistischen Ansätzen passte immer weniger in die veränderte Weltlage.

 

„Krönung“ im US-Senat

In der Welt des Geldes blieb Moon aber weiter eine Größe: Er hinterlässt ein Milliardenimperium aus Firmenbeteiligungen etwa im Verlags- und Bildungswesen, bei Immobilien, Hotels und Krankenhäusern. Ihm gehörte der größte Sushi-Lieferant in den Vereinigten Staaten – und sogar eine von seiner Kirche kontrollierte Waffenfabrik.

Vermutlich will die seit Jahren von seinen (allerdings zerstrittenen) Söhnen geführte Vereinigungskirche den Tod ihres Übervaters zu einer Renaissance nutzen. Die Trauerfeier findet jedenfalls am 15. September in einem sogenannten „Friedenstempel“ in Südkorea statt, der bis zu 25.000 Menschen fasst. Es könnte eine bizarre Zeremonie für den selbst ernannten „Friedenskönig“ werden: Diesen Titel gab er sich vor Jahren bei einem Besuch im US-Senat, wo er sich plötzlich und ohne Ankündigung einen Königsumhang umlegen und eine Krone aufsetzen ließ. Die von ihm gesponserten republikanischen Gastgeber waren danach merklich verstört.

Lexikon

Die „Vereinigungskirche“ wurde 1954 vom gebürtigen Nordkoreaner Sun Myung Moon (*1920) in Seoul (Südkorea) gegründet. Moon, der in Japan u. a. Elektrotechnik studierte, behauptete, mit 16 eine Vision gehabt zu haben, wonach er die Mission Jesu vollenden und ein irdisches Paradies gründen solle. Mit zwei Frauen hatte er 16 Kinder, seine „Religion“ zentrierte sich um ein strenges Familienideal, Frieden und schamanistische Elemente, dabei war Moon streng antikommunistisch und schuf ein großes Firmenkonglomerat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2012)

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