Richard III: Der König, der unterm Parkplatz lag

Archäologen wollen in der englischen Stadt Leicester das verschwundene Skelett von König Richard III. gefunden haben. Über ihn schrieb Shakespeare sogar ein Drama und setzte ihm ein unschmeichelhaftes Denkmal.

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(c) REUTERS (DARREN STAPLES)

Er soll ein buckliger Bösling gewesen sein, ein skrupelloser Geselle, der seinen kleinen Neffen Edward V. und dessen Bruder als Kinder im Tower einsperrte und womöglich töten ließ, um auf Englands Thron zu steigen: Richard III. (1452–1485), der letzte Vertreter des Hauses York-Plantagenet. William Shakespeare setzte ihm etwa um 1593 mit dem gleichnamigen Historiendrama ein unschmeichelhaftes Denkmal und schob ihm gleich noch den (historisch nicht verbürgten) Mord an mehreren Familienmitgliedern unter.

Nur zwei Jahre, vom Juni 1483 bis August 1485, regierte der König, bevor er bei der Schlacht von Bosworth nahe Leicester (die letzte der „Rosenkriege“ zwischen den verwandten Adelshäusern York und Lancaster) laut Shakespeare verzweifelt „Ein Pferd, ein Königreich für ein Pferd!“ verlangte – aber stattdessen, laut einer zeitgenössischen Ballade, „die Streitaxt in den Kopf bekam“. Sein Gegner war diesfalls ein Heer des walisischen Hauses Tudor, das fortan bis 1603 Englands Herrscher stellte.

 

Als Kopfabschlagen üblich war

Jahrhundertelang galten Richards Gebeine als verschollen. Jetzt glauben Archäologen, sie unter einem Parkplatz der Stadtverwaltung von Leicester ausgegraben zu haben. „Wir können noch nicht sagen, dass es RichardIII. ist“, sagt Richard Taylor von der Uni Leicester. „Aber die Suche hat eine neue Phase erreicht.“ Grund: Die Verletzungen an dem komplett erhaltenen Skelett, dass Forscher Ende August unter dem Asphalt fanden, passen gut zu Richards Tod: Der hintere Teil des Schädels wurde abgehackt, im Rücken steckt noch ein Pfeil.

„Die Leute im Mittelalter bekamen oft den Kopf eingeschlagen, aber die Pfeilspitze deutet auf einen Tod auf dem Schlachtfeld hin“, so die Chefarchäologin der Uni, Professor Lin Foxhall.

Noch wichtiger: Das Rückgrat ist stark verformt. „Wir glauben, dass die Person eine starke Skoliose hatte, eine Verkrümmung der Wirbelsäule. Dadurch hätte es ausgesehen, als ob seine rechte Schulter viel höher war als seine linke, das passt zu zeitgenössischen Beschreibungen.“ Shakespeare machte aus der Verkrümmung einen verunstaltenden Buckel.

 

Historiker wittern Sensation

Für Historiker ist der Fund, sollte es wirklich der König sein, eine Sensation: Außer diesem ging in der wechselhaften Geschichte der britischen Monarchie nur ein weiterer Leichnam verloren, der von JamesII. (1633–1701), der im Exil in Paris starb und dessen Überreste während der französischen Revolution verschwanden.

Dabei gab es kaum Anhaltspunkte für den Verbleib von Richard III.: Laut historischen Quellen wurde der letzte Vertreter der Plantagenet-Dynastie, deren innerfamiliäre Streitereien in den Rosenkriegen 1455–'85 das Geschehen auf den Inseln dominierten, nach seinem Tod ins nahe Leicester gebracht und dort in der Kirche des Franziskanerklosters Greyfriars verscharrt. Der Tudorkönig Heinrich VIII. ließ das Kloster 1538 schleifen, die Leiche wurde angeblich in einen Fluss geworfen.

Erst aufs zähe Drängen der „Richard III Society“, die seit Jahrzehnten (vergeblich) versucht, den von Shakespeare beschädigten Ruf des Königs zu rehabilitieren, nahm sich die Uni Leicester des Themas an, ortete den Klosterstandort auf dem Parkplatz und wurde fündig. „Es ist sehr aufregend – man buddelt normalerweise keinen Monarchen aus“, sagte eine der Archäologinnen, Helen Foxhall Forbes.

 

Ein Schreiner als Nachkomme

Nun soll eine DNA-Probe aus den Zähnen des Skeletts Gewissheit geben: Sie sollen mit dem Erbgut eines Londoner Schreiners, Michael Ibsen, verglichen werden, der als Richards direkter Nachfahre in der 17. Generation gilt. Dann könnte auch der lange „Winter der Unzufriedenheit“ (Shakespeare, Richard III.) der unbeirrten Richard-Fans zu Ende gehen. „Ich hoffe, dass die Wahrheit ans Licht kommt und wir ein realistischeres Bild von dem realen Menschen bekommen“, so Phillipa Langley von der „Richard III Society“. Sie versucht, Shakespeare auch künstlerisch zu widersprechen und schreibt gerade ein Drehbuch über ihren buckligen Lieblingskönig.

Lexikon

Richard III. (*1452) regierte ab 1483, August 1485 fiel er im Kampf gegen das walisische Haus Tudor, das bis 1603 regierte. Er soll den Thron von einem Neffen usurpiert haben und war letzter König der Dynastie Plantagenet (ab 1154). [Society of Antiquaries]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2012)

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