Verfolgt: Tödlicher "Abfall vom Islam"

Alle fünf Minuten wird ein Christ wegen des Glaubens getötet, vor allem in islamischen Ländern. Weil sie sich vom Islam abwandte, sollte auch Sabatina James, Tochter eines pakistanischen Gastarbeiters, sterben.

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Symbolbild – (c) AP (BEN CURTIS)

Wien. Aufgewachsen in Linz als Tochter eines pakistanischen Gastarbeiters; mit 17 zurückverfrachtet in eine Koranschule, weil sie sich zu sehr dem westlichen Lebensstil angepasst hatte; erst vor der drohenden Zwangsverheiratung nach Österreich geflohen, dann ein zweites Mal geflohen vor der eigenen Familie, nachdem ihr Vater ihren Tod gefordert hatte; seither ein Leben im Opferschutz, oszillierend zwischen der Notwendigkeit, im Verborgenen zu leben, und dem Drang, der Welt mitzuteilen, wie es denn so ist, wenn man als pakistanische Muslima von Familie und Glauben „abfällt“ und Christin wird: Sabatina James, heute 30 und vom Pfarrer, der sie einst taufte, als „Model Gottes auf dem Laufsteg der Welt“ bezeichnet, könnte ihre Zuhörer mühelos fesseln, würde sie einfach ihre Lebensgeschichte nacherzählen.

Sie tut es nicht an diesem Montagmorgen in Wien, wo sie auf Einladung der Plattform „Solidarität mit verfolgten Christen“ am internationalen Tag der Menschenrechte spricht, geschützt von drei Polizisten, die den Eingang bewachen. Stattdessen erzählt sie eine Weihnachtsgeschichte. Aber keine mit gutem Ende, denn Sabatina James erzählt von Asia Bibi. Davon, dass die pakistanische Christin ihren Kindern heuer keine Weihnachtsgeschenke kaufen kann. Asia Bibi sitzt nämlich im Gefängnis. 2010 war sie nach dem berüchtigten Blasphemie-Gesetz wegen angeblicher Beleidigung des Islam zum Tode durch den Strang verurteilt worden.

 

„Baue nicht mehr auf Politik“

Staatssekretär Reinhold Lopatka zeigt sich im Anschluss zwar betroffen und bemüht sich herauszustreichen, wie wichtig das Thema Religionsfreiheit für das Außenamt sei, referiert ausgiebig über die diplomatischen Initiativen, die Wien lancierte – und musste dann doch eingestehen, dass man wenig machen könne: Es sei nicht möglich, sich in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten einzumischen: „Wir können nur sagen, wofür wir stehen.“

Diese Machtlosigkeit regt Sabatina James schon lange nicht mehr auf: „Ich bin das von der Politik gewöhnt, auf die baue ich schon lange nicht mehr. Ich verlasse mich nur mehr auf das, was NGOs machen.“ Vor Politikern über Themen wie „Ehrenmorde“ oder Zwangsheirat zu sprechen, mache sie nur mehr, „damit sie nachher nicht sagen können, sie hätten es nicht gewusst“.

Lopatka weiß – dass bis zu 75 Prozent der aus religiösen Gründen Verfolgten weltweit Christen sind; dass pro Jahr rund 100.000 Christen wegen ihres Glaubens getötet werden, das ist etwa ein Mensch alle fünf Minuten. Sehr viele davon in islamischen Ländern. Und wo der Islam Staatsreligion ist, dort gelte der Abfall vom „wahren Glauben“ auch als Staatsverrat, sagt Sabatina James.

 

„Dialog ja, aber nicht verlogen“

Ein Beispiel wäre Saudiarabien, mit dem Österreich gerade das „König Abdullah-Dialogzentrum“ in Wien ins Leben gerufen hat. In der Runde, die am Montag auf dem Podium Platz genommen hat, stößt dieses Zentrum nur auf eingeschränkte Begeisterung: „Dialog ist schon der richtige Weg“, sagt Elmar Kuhn, Präsident der Österreich-Sektion von Christian Solidarity International: „Aber bitte nicht in Falschheit und Verlogenheit.“

Hintergrund

In Pakistan wird Beleidigung des Islam oder des Propheten Mohammed mit dem Tod oder zumindest lebenslanger Haft geahndet. Das Blasphemiegesetz wurde 1986 von Diktator Zia ul-Haq eingeführt. Ein Gouverneur und der damalige Minister für Minderheiten (ein Christ), die sich gegen das Gesetz aussprachen, wurden 2011 ermordet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2012)

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