Wenn der Sohn plötzlich radikaler Islamist wird

Ihr Sohn ist minderjährig, als er sich einer salafistischen Gruppe anschließt, nach Pakistan reist und dort stirbt. Eine Wiener Mutter erzählt.

(c) Reuters (ADREES LATIF)

Wien. Ein Jahr lang hat Frau M. ihr Handy keine Sekunde aus den Augen gelassen. Zu Hause, auf der Straße, während der Sitzungen bei der Arbeit. Und exakt ein Jahr nach seinem Verschwinden hat ihr Sohn tatsächlich angerufen. „Hallo“, hat er gesagt, „ich bin's.“ Es gehe ihm gut. Er sei gesund, er habe zu essen. Sie möge sich bitte keine Sorgen machen. Dann hat er sich nach der Familie erkundigt, nach seinen Geschwistern. Über sich selbst hat er kaum etwas erzählt, auch nicht die anderen Male, als er seine Mutter anrief. „Schau“, hat dann Frau M. gesagt, „ich weiß, du bist in Pakistan. Komm nach Hause zurück.“ Ihr Sohn ist nicht nach Hause zurückgekommen. Als er in Pakistan starb, war er noch Teenager.

Frau M. möchte ihren Namen und den ihres Sohnes nicht in der Zeitung lesen. Sie schäme sich nicht für ihre Geschichte, „ich möchte aber nicht, dass mein Sohn schlechtgemacht wird.“ Er dürfte 15 gewesen sein, als eine salafistische Gruppe in Wien Kontakt zu ihm aufgenommen hat. Bis heute weiß Frau M. nicht, wie es dazu gekommen ist. Könnte beim Sport gewesen sein, oder in der Moschee. Sie weiß auch nicht, was genau ihrem Sohn erzählt wurde. Ob sie ihn überreden mussten, dass er nach Pakistan geht. Frau M. kann lediglich berichten, dass sie, als sie nach einem Wochenendausflug nach Hause kamen, einen Abschiedsbrief fanden. Er sei weggegangen, schrieb der Sohn, und werde wahrscheinlich nicht mehr zurückkehren. Wohin er ging – und weshalb – teilte er seiner Familie nicht mit. Erst ein Jahr später sollte er sich wieder melden.

 

Infoveranstaltungen über Pilgerfahrt

Zu diesem Zeitpunkt wusste Frau M. bereits, dass ihr Sohn in radikale Kreise geraten war, ohne dass sie das nur ansatzweise bemerkt hatte. Frau M. stammt aus einem katholischen Elternhaus, der Vater ihres Sohnes aus dem arabischen Raum. In ihrer Familie haben beide Religionen Platz, sagt sie, auch wenn sie selbst nicht sonderlich gläubig sei, habe sie akzeptiert, dass ihr Sohn praktizierender Muslim wurde. Freitags ist er in die Moschee gegangen, zu Ramadan hat er gefastet. Damals haben sich Mutter und Sohn noch ausgetauscht, Frau M. hat Infoveranstaltungen über die Pilgerfahrt nach Mekka besucht, sie haben über Religion geredet. Als sich ihr Sohn einen Bart wachsen ließ und den Kleidungsstil änderte, hat sie das akzeptiert. „Mir als Mutter hat es nicht gefallen, ich hätte mir was anderes vorgestellt. Aber okay. Wenn es sein Wille ist.“

Heute, sagt sie, mache sie das verrückt. Was habe sie falsch gemacht? Habe sie sich zu wenig um ihn gekümmert? Zu wenig Zeit gehabt? Sich mehr auf die anderen Kinder konzentriert? Gestorben ist ihr Sohn wahrscheinlich während eines Kampfes an der pakistanisch-afghanischen Grenze, irgendwo im Internet ist ein Märtyrervideo aufgetaucht (sie habe es sich bis heute nicht angesehen). Mittlerweile weiß sie, dass ihr Sohn höchstwahrscheinlich im Dunstkreis von Thomas Al J. rekrutiert wurde.

Der 28-Jährige wurde 2012 im Wiener Straflandesgericht zu drei Jahren Haft verurteilt (Mitglied an einer terroristischer Vereinigung). Im Zuge der Ermittlungen, das habe Frau M. im Nachhinein erfahren, wurde auch eine Wiener Moschee überwacht, in der offenbar radikale Ideen verbreitet wurden. Auch ihr Sohn dürfte sich dort aufgehalten haben. Warum ihr das damals nicht mitgeteilt wurde, könne sie nicht verstehen: „Er war noch minderjährig.“

 

Kontakt über Deutschland

Überhaupt habe sie vonseiten der Polizei kaum etwas erfahren. Die allermeisten Informationen über den Verbleib ihres Sohnes habe sie privat recherchiert, über seine Freunde, über tausend Ecken. Dass er in Pakistan war, habe sie nach eigenen „Ermittlungen“ erfahren, das Innenministerium habe ihr das später bestätigt. Das Problem ist, sagt Frau M., dass es keine offizielle Anlaufstelle in Österreich gibt, keinen Kontakt zu anderen Angehörigen, mit denen man sich austauschen könne. Erst Jahre nach dem Verschwinden ihres Sohnes hört sie in einer Dokumentation die deutsche Islamismus-Expertin Claudia Dantschke reden – eine Mitarbeiterin des Berliner Zentrums Demokratische Kultur, das sich mit Extremismus auseinandersetzt – und nimmt Kontakt zu ihr auf. Dadurch lernt Frau M. andere Angehörige kennen, die Ähnliches erlebt haben. Anschließend nimmt sie Kontakt mit dem Politikwissenschaftler (Uni Wien) und Islamismus-Experten Thomas Schmidinger auf, der sie wiederum mit einer anderen Angehörigen bekannt macht. Gemeinsam beschließen sie, eine Selbsthilfegruppe für Angehörige zu gründen – bisher habe eine Sitzung stattgefunden. „Das Thema“, sagt Schmidinger, „ist heikel und schambesetzt.“

 

„Ich verurteile keine Muslime“

Ihren Sohn hat Frau M. noch nicht für tot erklären lassen. Sie brauche noch ein bisschen. Wie mit seinem Zimmer, das sie ein ganzes Jahr nicht habe putzen können. Frau M. zählt darauf, dass der Austausch mit anderen Betroffenen helfen wird. In ihrem Bekannten- und Freundeskreis würden die wenigsten die Wahrheit über ihren Sohn wissen: „Ich möchte mich nicht für ihn rechtfertigen müssen. Das hat er nicht verdient.“ Das Gespräch ist fast zu Ende, da möchte Frau M. noch etwas sagen, es sei wichtig: „Ich verurteile keine Muslime.“

Auf einen Blick

Selbsthilfegruppe. Eine Wiener Mutter, deren Sohn sich einer salafistischen Gruppe angeschlossen hat, hat mit dem Politikwissenschaftler und Islamismus-Experten Thomas Schmidinger eine Selbsthilfegruppe für Angehörige gegründet. Es gebe keine offizielle Anlaufstelle für Betroffene, argumentieren beide.

Interview. Der „Presse“ erzählt die Mutter, wie sich ihr Sohn radikalisiert habe, ohne dass sie es bemerkte. Als er – noch minderjährig – nach Pakistan reist, hinterlässt er seiner Familie einen Abschiedsbrief, allerdings ohne Angaben über sein Reiseziel. Er ist noch Teenager, als er Pakistan stirbt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2013)

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