Das Paradies der grünen Nomaden

Gemüse für alle: Der Prinzessinnengarten in Berlin schuf in einem sozialen Brennpunkt einen Ort des Zusammenhalts.

Vor vier Jahren gab es niemanden, der aus freien Stücken den Moritzplatz aufsuchte. Der umtoste Kreisverkehr liegt in einer der hässlichsten Ecken Berlins, im toten Winkel von Kreuzberg: Plattenbauten, Betonmauern, Diskonter, eine Tankstelle – das war's. Ach ja, eines noch: mittendrin, als Tiefpunkt der Tristesse, eine zugemüllte Brachfläche. Was dort aber in den vergangenen Jahren entstand, lockt nun jährlich 50.000 Besucher ins sinnerfüllte Niemandsland, fand Eingang in alle neueren Berlin-Reiseführer, und wurde sogar auf der Expo in Shanghai präsentiert. CNN, die „New York Times“ und „La Repubblica“ lobten über den grünen Klee, was hier nun fröhlich wuchert: im Prinzessinnengarten, einem Paradeprojekt urbaner Landwirtschaft, einem Stück gelebter Utopie.

Dahinter stehen zwei sanfte Revolutionäre: Robert Shaw und Marco Clausen. Die vom Guten beseelten Sturschädel brachten wenig Ahnung vom Gärtnern mit, aber dafür viel graue Sozialtheorie, die dank der tatkräftigen Mithilfe der Nachbarn rasch zu saftig grüner Wirklichkeit wurde. Sie pachteten, erst einmal nur für ein Jahr, die 6000 Quadratmeter Brachland von der Stadt. Dann luden sie die Anrainer ein, beim Entrümpeln zu helfen. Ein wenig attraktives Freizeitprogramm, bei dem aber gleich 150 Leute mitmachten. Was sie alle antrieb, war die Sehnsucht nach einem Stück Natur, einfachem Leben, gesundem Essen und ein wenig Autarkie in einer globalisierten Welt.

Heute findet man hier Kartoffeln und Radieschen, Kürbisse und Kräuter, Tomaten und Bohnen in Hülle und Fülle. Am üppigsten aber gedeiht das Gemeinschaftsgefühl. Denn anders als bei den meisten anderen Projekten der urbanen Landwirtschaft funktioniert dieses Projekt nicht nach dem Schrebergartenprinzip, wo jeder sein eigenes Beet beackert. Hier kann jeder, ob Gast oder Gärtner, ernten und muss dafür zahlen. Wer häufig mithilft, bekommt einen niedrigeren Preis. Aber im Prinzip säen, jäten und gießen alle für alle, wie auf der Allmende, der mittelalterlichen Gemeindewiese.


Inspiration aus Kuba. Das klingt nach Kommunismus in der Nussschale, was für viele den Reiz des gelungenen Experiments erhöht. Tatsächlich ließ sich Shaw in Kuba inspirieren. Dort allerdings ist das städtische Ackerland, dessen Ernte frei verkauft werden darf, eine Nische für die sonst verpönte Marktwirtschaft. Und auch die Macher des Prinzessinnengartens sind stolz darauf, dass sie sich wirtschaftlich bewähren: Ihre gemeinnützige GmbH „Nomadisch Grün“ kann mittlerweile acht Teilzeitkräfte entlohnen. Es wird ein lehrreiches Buch verkauft, gekocht und ausgeschenkt. Auf langen Bänken unter Robinien und Scheinakazien sitzen verträumt lächelnde Großstädter, die sich freuen, beim vegetarischen Tagesgericht und einem Fläschchen Bionade einmal nach Herzenslust gut sein zu dürfen.

Der Garten fördert auch die Integration von Migranten in einer Gegend, die als sozialer Brennpunkt gilt. Anatolische Bäuerinnen mit Kopftuch sind hier in ihrem Element, sie verteilen resolute Ratschläge an deutsche Pensionisten und alternativ gesinnte Soziologiestudenten. Schulkinder lernen hier, wie man das Gemüse züchtet, das sie sonst nur aus dem Supermarkt kennen. Botaniker von der Uni klinken sich mit Projekten ebenso ein wie Künstler. In dieser Enklave gedeiht sogar Multikulti und trägt bekömmliche Früchte.

Noch etwas unterscheidet den Prinzessinnengarten von anderen Formen des „Urban Gardening“: Es ist nomadisch angelegt. Alles wächst in ausrangierten Brotgestellen, Reissäcken und Tetrapacks. Die Macher erheben keinen dauerhaften Anspruch auf Grund und Boden, jederzeit können sie auf andere temporäre Brachflächen weiterziehen, unabhängig von der Qualität der Erde. So war es zumindest anfangs gedacht.

Wurzeln geschlagen. Doch nun hat das Projekt so kräftige soziale Wurzeln geschlagen, dass es Shaw und Clausen doch schmerzte, als der Senat sie im Vorjahr aus ihrem kollektiv geschaffenen Paradies vertreiben wollte. Die Stadt Berlin ist chronisch knapp bei Kasse und musste sich freuen, dass endlich ein Investor aus der Kreativwirtschaft das Gelände kaufen wollte. Aber der Aufschrei der Kreuzberger war groß. In wenigen Wochen sammelten sie über 30.000 Unterschriften für den Erhalt des Gartens – mit Erfolg: Kurz vor Weihnachten verkündete der städtische Liegenschaftsfonds, dass der Prinzessinnengarten noch weitere fünf Jahre grünen darf. Die Utopie geht in die Verlängerung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2013)

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