Tschechien: Die Rückhaltebecken vor Prag sind randvoll

In Böhmen wurden in allen Bezirken außer Pardubice der Notstand ausgerufen. Die Flut forderte bereits fünf Todesopfer. Die Erinnerung an das Jahrhunderthochwasser von 2002 ist überall noch gegenwärtig.

Tschechien: Die Rückhaltebecken vor Prag sind randvoll
Tschechien: Die Rückhaltebecken vor Prag sind randvoll
Tschechien: Die Rückhaltebecken vor Prag sind randvoll – (c) REUTERS (DAVID W CERNY)

Prag. Der Botič-Bach, der sich durch Prag schlängelt, ist ein mickriges Rinnsal. Normalerweise. Am Sonntag verwandelte er sich binnen kurzer Zeit erst in einen reißenden Fluss, bis er schließlich über die Ufer trat und seine Umgebung in eine Teichlandschaft verwandelte. Ein Stausee auf seinem Weg war voll gelaufen und nicht mehr aufnahmefähig. Das Wasser verschluckte Autos bis kurz unters Dach, Kinderspielplätze, Straßenschilder, alles, was es greifen konnte. Ein Pärchen mit einem vollen Einkaufssackerl stand auf dem Weg ins eigene Haus bis zum Bauch im Wasser. Der „Bach“ schoss mit unglaublicher Stärke in die Moldau.

Die Erinnerung an 2002 ist allen noch gegenwärtig. Damals standen mehr als 500 Orte unter Wasser, 17 Menschen fanden den Tod. Vor allem Prag hat seither „aufgerüstet“, um den Fluten begegnen zu können. Überall sind Hochwasserwände aufgebaut worden, zumindest dort, wo das geht. Entscheidend ist aber nicht nur die Höhe des Pegels der Moldau, sondern auch die Wassermenge, die abfließt. Die lag am Montagnachmittag bei knapp 3000 Kubikmetern pro Sekunde. Das ist nur halb so viel wie bei der Jahrhundertkatastrophe 2002. Dennoch: Würden die 3000 Kubikmeter überschritten, wären zwei tiefer gelegene Stadtbezirke von der Außenwelt abgeschnitten und müssten evakuiert werden. Landesweit mussten bereits an die 7000 Menschen ihre Bleibe verlassen und in Notunterkünfte ziehen. Auch die Tiere des Prager Zoos mussten evakuiert werden; die Gorillas befinden sich in einem hochwassersicheren Turm und werden per Boot mit Essen versorgt. Die tragischste Bilanz aber: Es gab bis Montag bereits fünf Tote, meist ältere Menschen. Zudem werden drei Wassersportler vermisst.

 

Krumau am ärgsten betroffen

Für alle Bezirke Böhmens, außer Pardubice, gilt der Notstand, den die Regierung ausgerufen hat. Sie hat zudem größere Geldmittel freigemacht. Der Scheitel der Moldau wurde für Montagabend erwartet. Aus Südböhmen kommt weniger Wasser, die Zahl der dort besonders gefährdeten Orte sank im Tagesverlauf. Zu den traditionell am schlimmsten betroffenen Orten gehört Český Krumlov (Krumau). Das Städtchen liegt malerisch, aber eben auch gefährlich an einer Moldauschleife und säuft regelmäßig ab.

Ein Problem sind die Rückhaltebecken der Moldau kurz vor Prag. Die sind randvoll und müssen vorsichtig, aber stetig abgelassen werden. Vorsichtig, weil zwischen den Rückhaltebecken und Prag auch noch der größte Nebenfluss in die Moldau mündet, die Berounka. Die ist nicht zu kontrollieren und führt generell sehr viel Wasser. Wenn die Wassermassen Prag hinter sich gelassen haben, wird es für viele kleinere Orte Mittelböhmens kompliziert. Das trifft besonders auf das Dorf Zálezlice zu, das 2002 mit Ausnahme der Kirche bis unter die Dächer unter Wasser stand und schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Dort, wo unweit die Moldau in die Elbe fließt, sollte eigentlich im vergangenen Jahr ein Damm gebaut werden, was aber zeitlich nicht gelang. Der Bürgermeister beschrieb im Fernsehen mit tränenerstickter Stimme, wie sein Dorf neuerlich dem Untergang entgegensehe.

Größere Städte entlang der Elbe, wie Ústí und Děčín, sind teilweise evakuiert worden. Ústi erwartet am Dienstag einen Pegelstand von zehn Metern statt der normalen drei Meter. Ohne jede Chance bleiben einmal mehr die Menschen im Grenzort Hřensko. Im niedrigstgelegenen Ort des ganzen Landes staut die Elbe die Kamenice zurück, die durch den ganzen Ort fließt. „Es gibt keine Möglichkeit, Hřensko vor dem Wasser zu bewahren. Wir werden immer ein Spielball der Natur bleiben“, sagte der Bürgermeister resigniert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2013)

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