Missbrauchsskandal: "Schämen wir uns tatsächlich?"

Die Zahl der wegen sexueller Übergriffe entlassenen Priester hat sich in vier Jahren auf mehr als 384 verdoppelt. Papst übt Kritik wegen Missbrauchsfällen in der Kirche.

(c) REUTERS (ALESSANDRO BIANCHI)

Rund 400 katholische Priester sind 2011 und 2012 aus dem Klerikerstand entlassen worden, weil sie sich des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger schuldig gemacht haben: Diese von der Nachrichtenagentur AP am Samstag genannte Zahl – genau: 384 – hat der Vatikan am Wochenende erst als „irrige Interpretation statistischer Daten“ bezeichnet, später aber bestätigt. Damit ist auch klar, dass sich die Zahl der Entlassungen mehr als verdoppelt hat; 2008/09 bekamen weltweit 171Priester die kirchenrechtliche Höchststrafe für Pädophiliedelikte.

Dabei beziehen sich die Angaben nur auf Kleriker, deren Entlassung vom Papst selbst – in diesen Fällen von Benedikt XVI. – verfügt wurde. Ein von AP zitierter Kirchenrechtler geht aber davon aus, dass es weitere Fälle auf Ebene der Diözesen gab und gibt, die nicht nach Rom gemeldet worden seien. Insgesamt wurden bei der vatikanischen Glaubenskongregation in den Jahren 2011/12 mehr als 820 neue Fälle von sexuellem Missbrauch durch Geistliche angezeigt. Neuere Daten liegen nicht vor.

UNO erzwang Offenlegung

Im Prinzip waren diese erschreckenden Zahlen schon früher verfügbar, aber sie verstecken sich in dickleibigen Jahrbüchern und Amtsblättern des Heiligen Stuhls, sodass außer ein paar Spezialisten niemand Zeit findet, sie zu suchen. Dass sie nun öffentlich wurden, liegt an den Vereinten Nationen: Deren Kommission zur Umsetzung der Kinderschutzkonvention der UN in Genf wollte vorige Woche auch den Vatikan anhören – und dafür hatte das vatikanische Staatssekretariat dem für die UN zuständigen päpstlichen Diplomaten ein Dossier mit auf den Weg gegeben.

Nachdem in den vergangenen Jahren viele, zum Teil jahrzehntelang vertuschte Sexual- und Gewaltskandale in der katholischen Kirche aufgeflogen waren – etwa in Deutschland, Österreich, Irland und den USA –, verschärfte Benedikt die kirchlichen Gesetze gegen Kindesmissbrauch. In schweren Fällen etwa kann der Papst Priester auch ohne formelles Verfahren in den Laienstand zurückversetzen. Dass sich die Zahl solcher Entlassungen verdoppelt hat, wird nicht nur auf den öffentlichen Druck, sondern auch auf Benedikts Eingreifen zurückgeführt.

Allerdings haben nicht alle nationalen Bischofskonferenzen die neuen Vorschriften, die auch offene Kooperation mit staatlichen Behörden diktieren, umgesetzt. Um den Bischöfen mehr Druck zu machen, hat Papst Franziskus im Dezember eine vatikanische Kinderschutzkommission angekündigt. So reagierte er auf Anregungen des achtköpfigen Kardinalsrats („K8“), den er zur Kurien- und Kirchenreform eingesetzt hat, und auf Forderungen von Spezialisten wie dem Vizerektor der Jesuiten-Universität Gregoriana, Hans Zollner: Der verlangte „Durchgriffsmöglichkeiten, um die Rechtsordnung der Kirche notfalls auch gegen den Widerstand eines Bischofs, der sich sperrt, durchzusetzen“.

Das Thema begleitet Franziskus schon seit dem Konklave im März 2013. Erst auf Druck der Öffentlichkeit entschloss sich damals der 75-jährige schottische Kardinal Keith O'Brien, auf die Teilnahme an der Papstwahl zu verzichten. Er räumte später ein, die Vorwürfe, wonach er sich vor drei Jahrzehnten an jungen Seminaristen vergriffen habe, seien berechtigt.

„Eine Schande für diese Kirche“

Franziskus kam am Freitag auf die Missbrauchsaffären zurück. In seiner werktäglichen Predigt im vatikanischen Gästehaus Sankt Martha rügte er, dass angesichts der Skandale, die „uns zu Recht eine Menge Geld kosteten“, die Leute ihre Köpfe über Priester, Bischöfe und Laien schütteln würden. Und: „Das ist eine Schande für diese Kirche. Aber schämen wir uns tatsächlich?“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2014)

Kommentar zu Artikel:

Missbrauchsskandal: "Schämen wir uns tatsächlich?"

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen